AVRS WebJournal Ausgabe 4/2002 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Die "Asteroidennacht" vom 17. August

von Jens Kauffmann

In der Nacht vom 17. auf den 18. August passierte ein Asteroid knapp außerhalb der Mondbahn die Erde. Solches ereignet sich nur selten. Auch ein bereits seit längerer Zeit sichtbarer Komet stand am Himmel. Dementsprechend beobachteten mehrere Vereinsmitglieder, z.T. von verschiedenen Orten aus, diese Schauspiele. Hier schildern wir ihre Beobachtungen - einmal durchgeführt mit Unterstützung modernster Technik, ein anderes mal "im Handbetrieb".

Das Vorspiel

Als die Computer des Asteroiden-Suchprogramms LINEAR am 14. Juli 2002 einen bewegten Lichtpunkt in dem Aufnahmen zuvor aufgenommenen Bilden fanden, war die Aufregung zunächst noch nicht besonders groß. Zehntausende dieser durch das Sonnensystem geisternden Gesteinsbrocken fand man durch die verbesserte Computertechnologie in den letzten fünf Jahren. Dieser sollte aber etwas besonderes sein: Als die Bewegung des Asteroiden in den kommenden Tagen weiter verfolgt wurde, zeigte sich, daß der mittlerweile auf "2002 NY40" getaufte Asteroid die Erde in einer Distanz von "nur" 1.3 Mondabständen passieren sollte - im kosmischen Maßstab ein Katzensprung.

Na ja, sooo klein ist diese Distanz freilich auch nicht. Nur einen Monat vor der Entdeckung von 2002 NY40, nämlich am 17. Juli 2002, hatte man "2002 NM" (Asteroidennamen entbehren einer gewissen Ästhetik) entdeckt. Die Bahnanalyse zeigte, daß dieser kleine Brocken (Durchmesser um 100 m) bereits drei Tage vor seiner Entdeckung (also am 14.) die Erde in nur 120000 km Distanz passierte! Es war unmöglich, den Asteroiden vor seinem Erdvorbeiflug zu beobachten; er kam aus Richtung der Sonne, in die Teleskope nicht schauen können.

Bei 2002 NY40 aber war die Bahn bereits Wochen vor der Erdpassage bekannt. So konnten sich Amateurastronomen ausreichend auf ein Ereignis vorbereiten, welches zwar nicht ganz so extrem wie der Vorbeiflug von 2002 MN, aber dafür vorhersagbar war. Die größte Annäherung von 2002 NY40 erfolgte am 18. August um 09:52 MESZ. Bei einem Durchmesser zwischen 500 und 1000 m und einer resultierenden maximalen Helligkeit um 9 Größenklassen bot er sich als Beobachtungsobjekt an. Kein Wunder, ist er doch von allen bekannten Asteroiden der zweitgrößte, der jemals der Erde näher als 1 Million Kilometer kam.

Interessante Statistiken zum Thema findet man beim Minor Planet Center der Internationalen Astronomischen Union. Neben Listen von Asteroiden und Kometen, die der Erde recht nah kamen, gibt es auch Voraussagen für solche Ereignisse.

Besonderes Interesse fand das Ereignis vielleicht auch durch die Entdeckung des Asteroiden "2002 NT7" am 9. Juli, der anfangs zum potentiellen "Erdvernichter" hochstilisiert wurde. Er kommt der Erde am 1. Februar 2019 nämlich ebenfalls recht nahe und könnte bei seinem Durchmesser um 2 km bei einem Einschlag verheerenden Schaden anrichten. Da zunächst die Bahn des Objekte unsicher war (es lagen noch zu wenige Beobachtungen vor), war ein Zusammenstoß mit unserem Planeten nicht auszuschließen.

Zu diesem Zeitpunkt erreichte das auf der "Palermo-Skala" gemessene Kollisionsrisiko erstmals seit Einführung der Skala einen positiven Wert - was leider von vielen Medien so interpretiert wurde, daß ein Einschlag des Objektes wahrscheinlicher war als sein Vorbeiflug (siehe dazu Link-Sammlung im Cosmic Mirror 241 zu Pressestimmen vor der Entwarnung; die deutschsprachigen Meldungen klingen, im Vergleich zu angelsächsischen Stimmen, beängstigend). Dabei war das Einschlagsrisiko nie größer als 1:60000. Ein positiver Wert auf der Palermo-Skala bedeutet lediglich, daß das betrachtete Objekt mit einer Wahrscheinlichkeit auf der Erde einschlägt, die größer ist als die Kollisionswahrscheinlichkeit aller anderen Asteroiden zusammen. Ein Lehrstück für die Irreführung durch die Medien - aber auch Denkzettel für unbedacht mit komplizierter Materie umgehende Wissenschaftler.

Die "Asteroidennacht"

Die Prognosen ergaben, daß 2002 NY40 in der Nacht vom Samstag, den 17. August, auf den Sonntag, in der Region südlich des Sternbildes Schwan aufhalten sollte. Insbesondere sollte er um Mitternacht das kleine, aber Astronomen (durch die Nähe des Hantelnebels) wohl bekannte Sternbild Pfeil durchqueren; dies erleichterte die Suche nach dem doch nicht gerade hellen (dunkler als 9 Größenklassen, damit für das unbewaffnete Auge absolut unsichtbar) und rasch bewegten (Bewegung von 4 Bogenminuten pro Zeitminute) Objekt erheblich. Eine gute Übersicht zu den Umständen gibt eine Internetseite von André Knöfel.

Auf der anderen Seite stand in dieser Nacht auch der Komet "C/2002 O4 (Hönig)" am Himmel - übrigens seit 1946 der erste von deutschem Boden aus visuell entdeckte Komet. Passende Beobachtungshinweise gab die Internetseite der VdS-Fachgruppe Kometen; mit einer Helligkeit von um 8 Größenklassen bot er sich als Objekt an. Wie der gerade einmal 24 Jahre junge Sebastian Hönig "seinen" Kometen fand, können Sie auf seiner Homepage nachlesen.

Remscheid: Auf der Jagd mit modenster Technik

So machte sich am Samstag Abend AVRS-Mitglied Frank Zobel auf den Weg zur Remscheider Außensternwarte. Er plante mit der CCD-Kamera des AVRS (einer sehr lichtempfindlichen elektronischen Kamera) den Asteroiden und den Kometen zu beobachten.

Mit der computergestützten Montierung der Sternwarte war das Einstellen des Asteroiden kein Problem. Nachdem die Montierung an einem hellen Stern kalibriert worden war, genügte es, der Teleskopsteuerung die aktuellen Koordinaten des Asteroiden 2002 NY40 einzugeben; die Einstellung erfolgte dann vollautomatisch.

Abbildung 1: Überlagerung von vier Aufnahmen des Asteroiden 2002 NY40. Die einzelnen Aufnahmen, auf denen der Asteroid jeweils als Strichspur erscheint, würden für je 40 Sekunden belichtet. Die Lücken in der Strichspur rühren von Pausen zwischen den Einzelaufnahmen her. Die Serienaufnahme begann um 20:16. Aufgenommen mit einer CCD-Kamera ST-7 am Newton-Teleskop ST-200SS (Vixen) der Remscheider Außensternwarte.

In Abbildung 1 ist das Ergebnis der Beobachtungen zu sehen. Durch die Überlagerung mehrerer Bilder konnte die Bewegung des Asteroiden über mehrere Minuten hinweg festgehalten werden. Sehr schön erkennt man die enorme Geschwindigkeit, mit der der Asteroid über den Himmel raste.

Nach 2002 NY40 stand der Komet C/2002 O4 (Hönig) auf dem Programm. Auch dieses Objekt wurde rasch automatisch eingestellt, in der lichtstarken CCD-Kamera identifiziert und anschließend abgelichtet. Mit den Mitteln der modernen Technologie ging die Beobachtungsnacht leicht von der Hand und war äußerst produktiv.

Bonn: Mit den Mitteln der klassischen Astronomie

In Bonn beobachtete der Autor dieses Artikels zusammen mit Hauke Voß und Tobias Westmeier, zwei weiteren Studenten der Astronomie, die nicht Mitglieder des AVRS sind, das Ereignis. Dazu wurde das Observatorium auf dem Dach der Astronomischen Institute der Universität Bonn genutzt, zu dem H. Voß Zugang hat.

Im Gegensatz zu der RAST des AVRS, von der F. Zobel aus beobachtete, ist diese Sternwarte eher klassisch eingerichtet: Weder elektronische Teilkreise, welche das computergestützte einstellen von Objekten ermöglichen, noch elektronische Kameras, die auch sehr lichtschwache Objekte auf einem Computer-Monitor sichtbar machen, sind hier vorhanden. Die Dachsternwarte der Astronomischen Institute ist nämlich nur noch ein Überbleibsel vergangener Zeiten; Wissenschaft kann mit so kleinen Teleskopen kaum betrieben werden und so wird kaum technisch nachgerüstet. Neben einem sehr guten Sucher stehen als Instrumente ein Refraktor (etwa 200mm/2000mm) und ein Cassegrain-Reflektor (etwa 300mm/6000mm; Spezialinstrument mit großer Brennweite) zur Verfügung. Die grob angegebenen Maßen deuten bereits an, daß weder die Teleskope, noch das einzige vorhandene Okular ausreichend dokumentiert sind.

Nachdem sich die Gruppe gegen Mitternacht getroffen hatte, wurde das Teleskop zunächst grob auf das Sternbild Schwan ausgerichtet. Keiner der Anwesenden hatte bisher mit dem bonner Teleskop lichtschwache Objekte aufgesucht. So ging knapp die erste Stunde dafür hin, das erst einmal ein "Gefühl" für das Instrument entwickelt werden mußte. Dazu kam, daß die Instrumente doch durch ihre Dimensionen leicht unhandlich sind.

In der Praxis stand einer der Beobachter balancierend auf der etwas wackelig ausgefallenen Beobachtungsleiter, stierte durch das Okular (welches meist den falschen Himmelsausschnitt abbildete) und gab den anderen beiden Beobachtern Anweisungen, wie das Teleskop zu bewegen sei, die auch prompt, aber selten im Sinne des Anweisenden, ausgeführt wurden. Etwa gegen 01:20 MESZ war das Teleskop dann erstmals korrekt auf die erwartete Position des Asteroiden ausgerichtet.

Schon zeigten sich erste Kandidaten für den Asteroiden - allerdings wollte jeder in der Gruppe den Asteroiden an einem anderen Ort gesehen haben. Nachdem der Asteroid, nach der vorausberechneten Bahn, aus dem Gesichtsfeld des Teleskops herausgewandert war, stellten wir das Teleskop erneut ein - und fanden direkt ein deutlich bewegtes, doch relativ helles Objekt!

Indirektes Sehen (eine Methode lichtschwache Himmelskörper besser sehen zu können) war nicht notwendig. Der Asteroid erschien als bewegter sternartiger Lichtpunkt vor dem Hintergrund des Sternenhimmels. Auch wenn dieses Schauspiel in seiner Erscheinung relativ unspektakulär war, so erregte doch das Wissen um die Natur des Vorgangs eine gewissen Ehrfurcht in allen Anwesenden.

Nach einiger Zeit hatten wir uns allerdings sattgesehen. Mit der gesammelten Erfahrung war es nun kein all zu großes Problem, das Teleskop nun noch auf den Kometen Hönig auszurichten. Trotz korrekter Ausrichtung auf den Kometen war allerdings rein garnichts im Teleskop zu sehen. Daran mag die Helligkeit des Stadtlichtes, oder aber die Ausdehnung des Kometen (dann ist die Helligkeit des Kometen auf eine große Fläche verteilt) schuld sein.

So endete die Beobachtungsnacht gegen 02:30 MESZ. Wir hatten ein wahrhaft seltenes Schauspiel erlebt. Diese Passage eines Asteroiden in Erdnähe werden wir alle so rasch nicht vergessen. Hoffen wir, daß uns auch in Zukunft der erdnahe Weltraum mit solchen Schauspielen unterhält, uns aber nie der Himmel in Form eines Asteroiden auf den Kopf fällt!


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de