AVRS WebJournal Ausgabe 3/2004 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Der Venustransit 2004 von Remscheid aus gesehen

von Peter Kalbitz

Astronomen halten natürlich immer Ausschau nach besonderen und vor allem seltenen kosmischen Ereignissen. So fiebern sie regelmäßig totalen Sonnenfinsternissen entgegen, die im Durchschnitt etwa einmal im Jahr irgend wo auf der Erde sichtbar sind - und dafür reisen sie auch um den halben Globus.

Noch stärker "elektrisiert" den Astronomen ein Phänomen, das sehr selten, möglicher Weise nur einmal im Leben beobachtet werden kann. In den vergangenen Jahren waren das in der Regel spektakuläre Kometen wie Halley oder Hale-Bopp, aber auch die nächste Annäherung des Planeten Mars an unsere Erde, die Perihelopposition im August 2003.

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Abbildung 1: Die von Mitarbeitern der Dr.-Hans-Schäfer Sternwarte aufgestellten und betreuten Teleskope. Aufnahme: Peter Kalbitz

Da sich in der Astronomie viele Ereignisse exakt vorhersagen lassen, sind Sterngucker auch immer auf dem Laufenden und erwarten ungeduldig das nächste Ereignis. Schon im Jahre 2003 gab es ein seltenes Ereignis, nämlich den Vorübergang eines Planeten vor der Sonne: Der sonnennächste Planet Merkur zog seine Bahn vor der Scheibe unseres Tagesgestirns; zuletzt hatte man so einen Vorgang im Jahre 1973 sehen können.

Das Jahr 2004 sollte aber mit einem noch tolleren Knaller aufwarten: der Vorübergang des inneren Nachbarplaneten der Erde, der Venus, vor der Sonne. Astronomen hatten diesen so genannten Venustransit für den 8. Juni berechnet. Auch der Zeitablauf dieser Mini-Sonnenfinsternis war genau bekannt: um 7:20 Uhr sollte Venus den Rand der Sonne scheinbar berühren, um fast sechs Stunden später die Sonnenscheibe wieder zu verlassen.

Der größte Feind des Astronomen ist das Wetter. All zu gern zeigt es sich von seiner launischen Seite und lässt sich - ganz im Gegensatz zu astronomischen Ereignissen - eben nicht vorhersagen, auch wenn sich Heerscharen von Meteorologen rund um die Erde um eine verlässliche Prophezeiung bemühen. Wir wissen aus leidvoller Erfahrung, dass die Trefferquote eher schlecht ist. Das durchwachsene Wetter Anfang Juni ließ denn auch Böses erwarten - aber schon am Abend des 7. Juni wurde das Wetter schöner, die Wolken verzogen sich und die Nacht war weitgehend sternklar. Das war für mich das Startsignal, mein Astroequipment zusammen zu suchen: Schmidt-Cassegrain-Teleskop mit (Stimm)Gabelmontierung, Okularkoffer und Sonnenfiltern, zusätzliches Maksutov-Cassegrain-Teleskop zur Parallelbeobachtung, zwei Fototaschen mit zusammen drei Spiegelreflexkameras, Objektiven und Filmen, digitale Sucherkamera, Videokamera, Kabeltrommel und Verlängerungskabel... ein wahres Arsenal, um dem großen Ereignis fotografisch auf die Pelle zu rücken. Außerdem hatte ich für Besucher ein kurze Präsentation vorbereitet, wozu ich noch Notebook und Beamer mitschleppen musste. Das Auto füllte sich mit diesen Accessoires jedenfalls schon bedrohlich und die Nacht sollte mal wieder sehr kurz werden.

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Abbildung 2: Die Sonne abgebildet vom "Solarscope". Die Venus ist als dunkler Punkt vor der Sonnenscheibe zu sehen. Aufnahme: Peter Kalbitz

Mein erster Blick am Dienstagmorgen aus dem Fenster galt dem Himmel - und er zeigte sich von seiner aller besten blauen Seite! So kam ich dann um 6:45 Uhr an der Dr.-Hans-Schäfer-Sternwarte an, wo bereits einige Kollegen vom Astronomischen Verein Remscheid ihre Fernrohre aufbauten. Wir hatten uns entschlossen, nicht nur die beiden Refraktoren der Volkssternwarte zur Beobachtung und Fotografie zu nutzen, sondern auch am Rande des Kirmesplatzes unsere Privatteleskope aufzubauen, um von dort aus mehr Besucher ansprechen zu können. Dies hat sich bereits im vergangenen Jahr bei Merkurtransit und Sonnenfinsternis bewährt.

Nach betriebsamem Aufbau standen nun vier Fernrohre auf dem Bürgersteig bereit: ein Newtonspiegel von Thorsten Prahl, zwei Linsenfernrohre von Reiner Ebel und mein Schmidt-Cassegrain-Spiegel. Zusätzlich hatten wir das auf dem ATT erworbene SolarScope auf einem Tisch aufgebaut. Dieses einfache, leicht zu bedienende Miniteleskop projiziert das Sonnenbild auf die Schattenseite seiner Kartonmontierung und bietet mehreren Menschen gleichzeitig den Blick auf die Sonnenscheibe.

Die Zeit rückte unaufhaltsam voran und so kam es, wie es nach den Berechnungen der Astronomen kommen musste: Um 7:20 Uhr erblickten unzählige, konzentriert auf die Sonne starrende Augen eine zunächst winzige dunkle Einbeulung der Sonnenscheibe, etwa auf Position "8 Uhr". Die Venus hatte scheinbar den "linken" Sonnenrand berührt, genauer gesagt schob sich ihre runde Kontur auf ihrer Bahn vor unser Tagesgestirn.

Dieser Moment war noch Anfang des vorigen Jahrhunderts für Astronomen von großer Bedeutung, da man damit die Entfernung Erde-Sonne über trigonometrische Funktionen bestimmen konnte, wenn mehrere Beobachter über die Erde verteilt das Ereignis beobachteten. Aus Zeitpunkt und Position des Eintritts der Venus vor die Sonne konnte man so die parallaktische Verschiebung bestimmen (die sich aus einem leicht unterschiedlichen "Blickwinkel" der verschiedenen Beobachter ergibt) und daraus die Distanz zur Venus und zur Sonne ableiten.

Der exakte Moment der scheinbaren Berührung von Venus- und Sonnenscheibe ist jedoch schwer zu bestimmen, da die Luftunruhe die Sicht auf das Ereignis verschlechtert. Und auch für uns blieb dieser Moment eben nicht exakt bestimmbar.

Ebenso schwierig ist es, das so genannte Tropfenphänomen zu beobachten. Dies ist eine optische Täuschung, offenbar hervorgerufen durch unsere Atmosphäre, bei der sich eine Art Brücke bildet vom Dunkel des Weltalls bis zur dunklen Scheibe der Venus vor der Sonne, und zwar in dem Moment, wenn sich die Venus vollständig vom (inneren) Sonnenrand zu lösen scheint, um ihre Reise quer über die helle Sonnenscheibe anzutreten. Diesen Tropfen hat jedenfalls keiner von uns sehen können.

Von 7:20 Uhr an bewegte sich nun die Venus im Laufe der folgenden sechs Stunden als dunkler Kreis vor der Sonne her. Mir erschien die Venusscheibe dabei unerwartet groß; es war kein Vergleich zu dem winzigen Punkt, als der der Planet Merkur im Jahre 2003 vor der Sonne hergewandert war. Mit Hilfe von Sonnenfinsternisbrillen konnten wir die Venus als dunklen Punkt sogar mit bloßen Augen, also ohne vergrößerndes Teleskop, erkennen; das wäre bei Merkur nicht möglich gewesen.

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Abbildung 3: Die Venus vor der Sonnenscheibe am 8. Juni 2004 um 11:45 Uhr. Aufnahme: Peter Kalbitz

Was ist denn nun so spektakulär an einem Venustransit? Ehrlich gesagt haut einen der Anblick eines schwarzen Punktes vor einer hell gleißenden Scheibe nicht unbedingt vom Hocker! Was das Ereignis so besonders macht, ist seine Seltenheit. Denn zuletzt war ein solches Phänomen im Jahre 1882, also vor rund 122 Jahren, zu beobachten gewesen. Mit anderen Worten: kein noch lebender Mensch hat das damals sehen können. Und damit erhält dieses kosmische Ereignis eine historische Dimension der Art "Einmal im Leben". Zwar findet in etwa acht Jahren noch einmal ein Venustransit statt, doch ist er dann nicht von Deutschland aus zu sehen, sondern man muss dazu etliche Tausend Kilometer reisen. Und danach dauert es wiederum über 105 Jahre, bis wieder ein Venusdurchgang eintritt, und darauf hin weitere acht Jahre. Auf diese Weise wiederholen sich jeweils vier Venusdurchgänge im Laufe von 243 Jahren - dazu reicht ein Menschenleben nun wahrhaftig nicht aus!

So hatten wir denn die einmalige Gelegenheit, dieses ruhig ablaufende Ereignis namens Venustransit in voller Länge zu beobachten. Und offenbar interessierte dies nicht nur eine Hand voll eingeweihter Astronomen, sondern zahlreiche Bürger. Während des Durchgangs kamen immer wieder Menschen zur Sternwarte, um mit uns zusammen einen Blick auf das besondere Ereignis zu erhaschen. Und sie hatten reichlich Auswahl an Instrumenten. Als günstig stellte sich das SolarScope heraus, weil mehrere Personen gleichzeitig die Venus vor der Sonne sehen und wir ihnen dies besser erklären konnten. Reizvoll war aber ebenso der Blick durch eine Sonnenfinsternisbrille oder durch Feldstecher und Teleskop - die natürlich mit speziellen Filtern ausgestattet waren und den gefahrlosen Blick auf die Sonne ermöglichten. Und den schönsten Blick bot sicherlich der 117 Jahre alte Refraktor oben unter der Kuppel im Bismarckturm, durch den die Venus vor der roten Sonne mit ihren gewaltigen Gasausbrüchen zu sehen war. Kurzzeitig erhob sich eine dieser heißen Wasserstofferuptionen weit über 100.000 km in den Weltraum, um dann ebenso schnell in sich zusammen zu fallen.

Für uns Amateurastronomen ist es immer wieder befriedigend, wenn so viele Leute zur Dr.-Hans-Schäfer-Sternwarte kommen - denn dafür sind wir ja hauptsächlich da! So kamen sie also - vom Kindergartenkind bis zum Rentner, und eine Kindergartengruppe, eine Klasse des Berufskollegs sowie eine Klasse der Albert-Einstein-Gesamtschule. Letztere ließ sich in einem Vortrag im Aufenthaltsraum der Sternwarte näher über den Ablauf des Venustransits informieren. Insgesamt über 200 Interessierte ließen sich das besondere kosmische Ereignis nicht entgehen. Am Ende waren wir glücklich, erfolgreich und ohne atmosphärische Trübungen ein seltenes astronomisches Ereignis miterlebt zu haben. Daher ein Dank an die Mitwirkenden Jens Kauffmann und Klaus Hartmann in der Kuppel sowie Erika Welp, Reiner Ebel und Thorsten Prahl vor der Sternwarte.


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de