AVRS WebJournal
Ausgabe 3/2004
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Astronomischer Verein Remscheid e.V. |
Am 21. Juni 2004 erreichte das erste privat finanzierte und gebaute Raumschiff die per Definition in 100 km Höhe liegende Grenze zum Weltraum. In Kürze werden vermutlich regelmäßig suborbitale Flüge, dann auch mit Passagieren, durchgeführt. Der Flug gilt deshalb als Wegbereiter für den Weltraumtourismus. Ob hier aber ein neues Zeitalter der bemannten Raumfahrt eingelätet wird, wie von vielen Visionären erhofft, ist fraglich.
Der Flug startete am Morgen des 21. Juni unter den Augen tausender Schaulustiger vom Mojave Airport aus. Das
Höhenflugzeug
WhiteKnight,
welches ebenso wie das Raumschiff
SpaceShipOne
von der Firma
Scaled Composites
gebaut wurde, trug das Raumschiff zunächst in eine Höhe von 15 km. Hier trennte sich das Tandem und
eine 80 Sekunden dauernde Raketenzündung, welche SpaceShipOne auf eine Geschwindigkeit um 4 km/s beschleunigte,
trug das Schiff auf eine Gipfelhöhe von 100124 Metern. Die Grenze zum All wurde um knappe 124 Meter überschritten
(
SPIEGEL Online I).
Gesteuert wurde SpaceShipOne von dem sehr erfahrenen Testpiloten Mike Melville, der auch als einziger Mensch an Bord war.
Er hatte einige Schrecken während des nicht gerade planmäßig verlaufenden Fluges zu ertragen. Bereits bei
Triebwerkszündung begann das Schiff wild zu schlingern
(
SPIEGEL Online II).
Dies scheint inzwischen durch die Einwirkung von Schwerwinden erklärt zu sein
(
SPIEGEL Online III).
Kurz vor Erreichen der Gipfelhöhe viel eine Steuerklappe aus, die zu weiteren Kursabweichungen führte. Insgesammt ist
man bei Scaled Composites der Meinung durch diese Effekte bis zu 10 km Höhe verloren zu haben; geplant war ein Aufstieg auf
110 km!
SpaceShipOne führte einen suborbitalen Flug durch, und auch nur hierfür ist das Gefährt gebaut. Es sind also keine Erdumkreisungen möglich und Schwerelosigkeit herrscht nur für etwa 4 Minuten. Somit ist eigentlich eher von einem "Hopser" ins All als einem richtigen Raumflug zu sprechen - der nichtsdestoweniger technisch enorm anspruchsvoll und ein wahres Abenteuer ist.
Die
Geschichte des Ansari X-Prize
reicht bis ins Jahr 1993 zurück. In jenem Jahr bekam
Peter Diamandis
ein Buch von Flugpionier Charles Lindbergh geschriebenes Buch geschenkt. Er erkannte, das zum Beginn des Luftfahrtzeitalters Preise, die
für gewisse Leistungen wie etwa die erste Atlantiküberquerung gestiftet wurden, die Entwicklung vorangetrieben hatten. So wurde
die Idee zum
Ansari X-Prize
geboren.
Diamandis brachte Freunde und Interessierte zusammen um 10 Millionen Dollar als Preis für den ersten privaten benannten Raumflug zu stiften. Wie man auf der Homepage des Ansari X-Prize zusammenfasst erhällt jenes Team den Preis, welches ein
Im Jahr 1998 hatte man die ersten 5 Millionen Dollar beisammen. Voll wurde der Topf aber erst im Mai 2004 durch eine Spende der Familie Ansari. Als Zeichen der Dankbarkeit wurde der vormalige X-Prize in Ansari X-Prize umbenannt.
Gegenwärtig sind 20 Teams als Teilnehmer am Ansari X-Prize gemeldet. Doch die Projekte zielen sicher nicht in erster Linie auf den Gewinn des Preises ab: Es geht um den lukrativen Mark für touristische Raumflüge! Burt Rutan selbst, der Entwickler von SpaceShipOne, rechnet mit einem Ticket Preis um die 100000 Dollar in den kommenden Jahren. Der Preis kann vielleicht bis auf 10000 Dollar in den weiteren Jahren gedrückt werden. Da rentieren sich die Kosten eines Projektes - allein Microsoft-Mitgründer Paul Allen soll 30 Millionen Dollar zu SpaceShipOne zugeschossen haben - irgendwann.
Scaled Composites geht mit seinem SpaceShipOne einen relativ konventionellen Weg. Im Prinzip hat man es mit einem Raketenflugzeug zu tun.
Andere Teams sind da weit unkonventioneller. Das
da Vinci Project
will seine Rakete zunächst mit einem Ballon auf 25 km Höhe tragen, bevor der Raketenmotor gezündet wird. Flugfähige
Vehikel sind selten unter den Teams. Neben Scaled ist nur das da Vinci Project so weit gekommen.
Scaled Composites ist schon seit langem Favorit vieler Interessierter. Kein Wunder, da hier eine
im Flugzeugbau sehr erfahrene Firma am Werk ist, die schon mit vielen Luftfahrzeugen - darunter dem ersten Rund-um-die-Welt-Flieger Voyager -
Rekorde gebrochen hat.
Der Ansari X-Prize wird vermutlich Anfang Oktober errungen werden
(
SPIEGEL Online IV).
Für den 29. September plant Scaled Composites den ersten von drei Flügen
innderhalb einer Frist von zwei Wochen. Durch den zusätzlichen Flug will man etwas Luft für technische Probleme schaffen. Am 2.
Oktober geht dann Wild Fire vom da Vinci Project an den Start. Dieses Vehikel ist aber noch nie zuvor geflogen und hier muß man
hoffen, daß der Tesflug nicht zur Katastrophe wird.
Gegenwärtig wir viel darüber diskutiert ob mit dem Gewinn des Ansari X-Prize ein neues Zeitalter der Weltraumfahrt beginnt. Dieses zu vollbringen ist ja das eigentliche Ziel des Ansari X-Prize. Der aktuelle Trubel um den Flug von SpaceShipOne hat selbst die NASA dazu angeregt Preise für z.B. Weiche Landungen auf dem Mond auszurufen. Der Anbruch eines Zeitalters des freien und kostengünstigen Zugangs zum All ist aber eher unwahrscheinlich.
Bemannte Raumfahrt ist überflüssig und kostenintensiv. Vielleicht geling es in nicht all zu ferner Zukunft kostengünstige Raumfahrzeuge zu konstruieren. Bisher sind derartige Projekte aber immer irgendwann eingestellt worden. Auch die am Ansari X-Prize beteiligten Projekte reduzieren keine Kosten, denn sie machen nur einen Hoppser ins All. Es ist ein gewaltiger Sprung von dem nun anvisierten Streifschüß ins All hin zu Erdumkreisungen. Zudem sind kostenintensive Projekte für Orbit-Raumschiffe mangels Kunden eher nicht für den Raum-Tourismus geeignet. Ein wirklicher Quantensprung in der Technik kann dieses Argument allerdings aushebeln. Abgesehen vom Weltraum-Tourismus ist kaum eine sinnvolle Anwendung für bemannte Raumschiffe in der Zukunft zu erkennen.
Es ist aber sicher, daß der Ansari X-Prize eine neue Diskussion um den bemannten Raumflug losgetreten hat. Die Bedeutung der Inspiration der Gesellschaft darf nicht unterschätzt werden. Und in der Tat kann der Weltraum wohl nur von wagemutigen Privatleuten erschlossen werden. Die Bemannte Raumfahrt ist zu teuer geworden um für Wissenschaft und Industrie noch von Interesse zu sein. Der britische Astrophysiker Sir Martin Rees fast zusammen: nur die Bereitschaft von Privatleuten mit nicht zu 110% zuverlässigen Fahrzeugen die Reise ins All anzutreten kann zu vertretbaren Transportkosten führen. Und erinnern wir uns: auch das Zeitalter der Luftfahrt begann auf diese Weise.
v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de