AVRS WebJournal Ausgabe 3/2003 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Die Mini-Sofi - Merkur bandelt mit der Sonne an

von Peter Kalbitz

Es ist spät geworden in dieser Nacht auf den 7. Mai 2003. Das besondere astronomische Ereignis am Vormittag erfordert - so glaube jedenfalls ich - noch eben solche besondere Vorbereitung. Also hocke ich noch am PC und stelle eine Präsentation über das Ereignis zusammen. Gegen 2:30 Uhr schleppe ich mich dann müde ins Bett, nicht ohne noch einen Blick durchs Fenster auf den Himmel zu werfen. Der gibt mir Recht, dass ich die Präsentation erstellt habe, denn es ist neblig bis wolkig und riecht fast nach Regen. Also werde ich wohl wieder eine Wofi (Wolkenfinsternis) erleben.

Kurz nach sechs Uhr reißt mich der Wecker aus meinen viel zu kurzen Träumen. Die Augen brauchen kaltes Wasser und eine Schachtel Streichhölzer! Darum registriere ich auch nicht sofort, dass es draußen merkwürdig hell ist. Aber dann bemerke ich dieses Licht, das so gar nicht zu den trüben Wetteraussichten der Nacht passen will. Tatsächlich: der Himmel ist klar! Also doch! So wie es aussieht, werde ich den Merkurtransit "in echt" erleben und nicht via Internetkonserve. Ich packe die vorbereiteten Instrumente - Kameras, Fernrohr samt Montierung und einen kleinen Imbiss - ins Auto und düse los zur Sternwarte. Typisch Kalbitz: ich bin mal wieder etwas zu spät um 6:40 Uhr am Bismarckturm, aber es bleibt noch Zeit, um das Equipment aufzubauen.

Abbildung 1: Merkur vor der Sonne - kurz vor dem dritten Kontakt (kleiner Punkt bei 2 Uhr nahe dem Sonnenrand; siehe auch Fadenkreuz)
(© P. Kalbitz)

Am Bismarckturm angekommen, erwartet mich erst einmal eine handfeste Überraschung. Die Stadt Remscheid hat tags zuvor einen Bauzaun rund um den Bismarckturm gezogen, der Zugang ist also nicht ganz leicht. Zudem parken Sattelanhänger vom Betreiber des Riesenrades, das wegen der Kirmes gerade aufgebaut wird, sperrig vor dem Bauzaun. Jens Kauffmann kommt aus dem Bismarckturm. Wir diskutieren, wo wir beobachten sollen, und entschließen uns, mein Celestron 8 Teleskop auf dem Bürgersteig vor der Sternwarte aufzubauen. So können wir Interessenten leichter ansprechen und sie brauchen nicht den Bismarckturm herauf zu klettern. Außerdem gehen sie dann nicht das Risiko ein, von herab fallendem Putz "erschlagen" zu werden - genau deswegen hat die Stadt Remscheid nämlich die Einzäunung vorgenommen.

Das Celestron 8 mit seiner "Stimm"Gabelmontierung (weil sie stark vibriert) ist schnell aufgebaut, der Glasfilter wird auf die Teleskopöffnung gesteckt - nun kann's los gehen.

Pünktlich um 7:13 Uhr beginnt die Verfinsterung der Sonne - na ja, es ist eher eine Mini-Sonnenfinsternis, denn der sonnennächste Planet Merkur schiebt sich unaufhaltsam vor die Sonne. Wir haben Glück, dass der innerste Planet sich in seiner unteren Konjunktionsposition und zugleich in seinem Bahnknoten befindet. Untere Konjunktion bedeutet, dass der Planet nun als Neumerkur erscheint, also von der Erde aus gesehen zeigt er uns seine unbeleuchtete Nachtseite. Dass er im Bahnknoten ist, heißt, dass seine Bahn unsere Erdbahn kreuzt. Sonne, Merkur und Erde stehen also in einer Reihe und Merkur läuft nun genau vor der Sonne her. So gesehen verfinstert das kleine Merkurscheibchen - es ist von uns rund 84 Mio. km entfernt - einen winzigen Bruchteil der Sonne.

Abbildung 2: Merkur vor der Sonne - kurz vor dem dritten Kontakt (kleiner Punkt bei 2 Uhr nahe dem Sonnenrand)
(© P. Kalbitz)

Die spannendsten Momente sind der Eintritt vor die Sonne und der Austritt aus der Sonne. Und tatsächlich: die Sonne scheint eine kleine Delle an der Stelle zu besitzen, an der sich Merkur vor unser Tagesgestirn schiebt. Stück für Stück erobert sich Merkur nun scheinbar die Sonne, in Wirklichkeit sind beide rund 67 Mio. km von einander entfernt. Das ist auch der Grund, warum Merkur recht groß erscheint. Ich muss zugeben, dass ich Merkur noch nicht oft beobachtet habe, weil er - ein Tribut seiner sonnennahen Bahn - von uns aus gesehen immer in der Umgebung der Sonne steht und daher immer nur in der Dämmerung erkennbar ist. So gut wie an diesem 7. Mai habe ich Merkur aber nie gesehen!

Mehr als fünf Stunden werden wir nun damit verbringen, den Merkurtransit zu verfolgen. Unaufhaltsam nähert sich der kleine Planet dem anderen Rand seines Muttersterns. Seine Spur führt nicht zentral, sondern - etwas zum Rand hin verschoben - auf kürzerem Weg quer über unser Tagesgestirn. Leider ist kein Sonnenfleck nahe seiner Spur, obwohl die Sonne zahlreiche Flecken aufweist. Das rund 12 Bogensekunden kleine (besser: winzige) Merkurscheibchen vermag nur etwa 0,004 Prozent der Sonnenscheibe zu verdunkeln, und so macht sich der Planet eher wie ein gewöhnlicher Sonnenfleck bemerkbar.

Unser Beobachtungsstandplatz ist strategisch günstig gewählt, denn es kommen viele Leute - vor allem solche mit Hund - vorbei. Einige sind eigens zur Beobachtung des Merkurtransits gekommen, andere lassen sich gern "verführen", einen Blick durchs Fernrohr zu riskieren. Nur sehr wenige schlagen unser Angebot aus - ob sie wohl misstrauisch sind, dass sie dafür bezahlen müssen? Am Ende werden sich über 50 Passanten in das Gästebuch der Sternwarte eingetragen haben, das Jens vorsorglich in den geöffneten Kofferraum seines nebenan stehenden Autos gelegt hat.

Aber auch mehrere Vereinsmitglieder lassen sich das besondere Ereignis nicht entgehen.

Ein paar Meter weiter haben Michael Beyer und Peter Stolzen ihre Fernrohre - Newtonreflektoren und Refraktoren - aufgebaut und beobachten dort.

In bestimmten Abständen machen mehrere von uns auch Fotos durch die Teleskope. Frank Zobel hat den großen Reinfelder & Hertel Refraktor der Sternwarte für eine Videoaufzeichnung mit einer Mintron-Kamera in Beschlag genommen. Das Bild ist aktuell auf dem Monitor seines selbst gebauten Ein-Platinen-Rechners zu sehen. Daraus wird er später eine kurze Filmsequenz basteln, um in einem Vortrag das Ereignis im Zeitraffer zu veranschaulichen.

Abbildung 3: Videoaufzeichnung über Mintron-Kamera
(© P. Kalbitz)

Im Laufe der Zeit stoßen weitere Vereinsmitglieder zu uns, so Brigitte Birker, Carsten Drawe, Dirk Gützlaff, Norbert Tellmann, Holger Wegerhoff und Erika Welp.

Um 12:32 Uhr ist es dann so weit: das Merkurscheibchen verlässt die Sonne. Auch diesen Moment - eigentlich dauert dies vom dritten Kontakt, wenn Merkur den Sonnenrand von innen zu berühren scheint, bis zum vierten Kontakt, wenn der Planet und der Stern sich wie zwei Bälle zu berühren scheinen, einige Minuten - können wir verfolgen. In dieser Zeit kann es vorkommen, dass man im Fernrohr den so genannten "Tropfen" wahrnimmt. Dieses Phänomen ist eine optische Täuschung, die durch verwischende Effekte unserer bewegten Luft zustande kommt. Als der Merkurtransit gerade vorbei ist, taucht ein Pressefotograf auf - wenn auch nicht wegen dieses astronomischen Ereignisses. Dennoch ist er neugierig und macht ein paar Fotos von uns, wie wir durchs Fernrohr schauen.

Tja, wer den Merkurtransit am 7. Mai 2003 verpasst hat, der muss sich gedulden. Der nächste wird erst wieder am 9. Mai 2016 von Mitteleuropa aus zu sehen sein. Übrigens war der letzte Merkurtransit in Deutschland im Jahre 1973 zu beobachten. Schon allein wegen seiner Seltenheit ist daher so ein Transit lohnenswert.

Und noch seltener ist ein Transit der Venus vor der Sonne; bis dahin ist es gar nicht mehr so weit hin, denn dies wird sich schon am 8. Juni 2004 ereignen. Wir sind wieder dabei!!!


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de