AVRS WebJournal Ausgabe 3/2003 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Noch 'ne Mofi - Wie der Erdschatten den Mond verschlang

von Peter Kalbitz

Der Mai 2003 war ein astronomisch ereignis- und abwechslungsreicher Monat, was selten genug vorkommt. Denn ein Merkurtransit sowie eine Mond- und eine Sonnenfinsternis kommen selten in derart zeitlicher Ballung zusammen.

Als mein Blick in den für solche Informationen unabdingbaren astronomischen Kalender namens Himmelsjahr vom Kosmos Verlag fiel, dachte ich zuerst: "Nee, eine Mofi zu so unchristlicher Zeit! Da komme ich bestimmt nicht aus den Federn als altgedienter Morgenmuffel."

Das Himmelsjahr "drohte" nämlich mit einem Beginn der Finsternis um 3:05 Uhr, wenn der Mond in den Halbschatten der Erde eintreten sollte. Dieser Moment ist praktisch nicht beobachtbar, da die Verfinsterung in dieser Phase zu schwach ist. Daher blieb ich zu dieser Zeit noch im warmen Bett liegen.

Abbildung 1: Mondfinsternis - ca. 20 Min. nach Beginn der Kernschattenphase
(© P. Kalbitz)

Spannend wird es bei einer Mofi erst, wenn der Mond in den Kernschatten der Erde tritt. Dies ist der Bereich, in den - geometrisch betrachtet - kein Sonnenstrahl mehr vordringen sollte. Der Kernschatten der Erde ist kegelförmig. Dies liegt daran, dass die Sonne erheblich größer als die Erde ist. Die Strahlen, die von den Randbereichen der Sonne an der Erde "vorbeischrammen", sind nicht parallel, sondern bilden einen kegelförmigen Bereich der Ausleuchtung, dessen inneren Teil eben die Erde abbekommt, also absorbiert/abblockt. Die Randstrahlen der Sonne, die am Rand der Erde vorbei laufen, treffen sich in einem bestimmten Abstand hinter der Erde. Bis hierhin reicht also der Kernschatten der Erde. Und genau dadurch vermag der Mond auf seiner Bahn um die Erde herum zu laufen. Wäre der Mond also deutlich weiter von der Erde entfernt, so gäbe es solche Mondfinsternisse nicht.

Die Dauer einer Mondfinsternis hängt nun auch noch davon ab, dass der Mond einerseits in der Nähe seines Bahnknotens (d.i. der Schnittpunkt seiner Bahn um die Erde mit der Bahn der Erde um die Sonne) steht, und andrerseits welchen Abstand der Mond von der Erde und die Erde von der Sonne haben. Ist die Sonne weit weg, so ist der Kernschatten der Erde länger, ist der Mond der Erde relativ nah, so läuft er durch den "dickeren" Bereich des Kernschattens und braucht dafür länger, die Finsternis dauert daher länger.

Eigentlich gibt es streng genommen gar keine totale Mondfinsternis, und das liegt an der Erdatmosphäre. Denn Sonnenstrahlen passieren auch durch die Atmosphäre und werden dabei - optischen Gesetzen gehorchend - "gebrochen", also ein wenig umgelenkt. Daher fallen trotz der geometrischen Begebenheiten dennoch Strahlen in den Kernschatten der Erde hinein - und zwar langwellige Strahlen des roten Lichtes der Sonne. Diese Strahlen beleuchten den im Schatten der Erde stehenden Mond sehr schwach und rufen das typische kupferfarbene Mondlicht hervor. Je tiefer der Mond im Erdschatten steht (also bei erdnaher Position), desto weniger rotes Sonnenlicht fällt - von der Erdatmosphäre umgelenkt - auf den Mond - er wirkt also dunkler.

Abbildung 2: Der Kernschatten verdunkelt die Hälfte des Mondes
(© P. Kalbitz)

Der mich interessierende Moment des Eintritts in den Kernschatten war für 4:03 Uhr angekündigt. Am späten Abend vor dem Ereignis hatte ich das erforderliche Equipment heraus gestellt: Fernrohr samt Montierung und Zubehör, Kamerastativ und Kameratasche mit zwei Spiegelreflexkameras und Filmen sowie verschiedenen Objektiven. Ich wollte das Ereignis nicht nur live per Auge verfolgen, sondern auf Film dokumentieren. Und dabei wollte ich einerseits Übersichtsaufnahmen mit Landschaft und andrerseits Detailaufnahmen vom Mond durchs Teleskop machen.

Als Standort hatte ich mir eine Wiese zwischen den Remscheider Ortsteilen Lennep und Lüttringhausen ausgesucht, die eine gute Rundumsicht - insbesondere Richtung Mond - garantierte.

Nachdem mich der Wecker unsanft aus dem wieder mal zu kurzen Schlaf gerissen und der wetterforschende Blick nach draußen das Aufstehen beschleunigt hatte, packte ich alles ins Auto und fuhr so gegen 3:45 Uhr zum Standort, wo ich alles auf taunasser Wiese aufbaute. Ich war so gerade damit fertig, als der Mond denn auch pünktlich - er musste das Himmelsjahr gelesen haben! - in den Kernschatten der Erde glitt. Der genaue Moment des Eintritts in den Kernschatten lässt sich gar nicht ermitteln, da es ein eher fließender Übergang ist. Aber nach wenigen Minuten zeichnete sich der Schatten am Mondrand als feiner dunkler Schleier ab.

Abbildung 3: Kurz vor der totalen Verfinsterung
(© P. Kalbitz)

Mit rund 10 Minuten Verzögerung hatte ich auch die Kameras startklar (der Aufbau von Montierung und Fernrohr sowie der Anschluss der Nachführung an die Steckdose des Autos und das Befestigen der Kameras am Fernrohr dauert denn doch manchmal länger als geplant). Wie gut, dass ich eine Stirnlampe mitgenommen hatte!

Rund 70 Minuten verbrachte der Mond nun erst einmal damit, sich langsam, aber unaufhaltsam in den Kernschatten der Erde zu schieben. Immer mehr Schatten bemächtigte sich der erblassenden Mondoberfläche. Auf den ersten Blick konnte man glauben, es handelte sich um eine gewöhnliche Phasengestalt etwa zu Halbmond. Doch Farbe, Rand und Verlauf des Schattens sind anders, als wir es von normalen Sichelgestalten unseres Erdtrabanten kennen. So zieht sich der Schattenrand eben nicht von Pol zu Pol, sondern er verläuft viel gerader, als es die Oberflächenkrümmung des Mondes zu erzeugen vermag, etwa so, als zöge man einen Vorhang davor.

Als der Mond nur noch eine schmale, seltsam unwirkliche Sichel zeigte, kam ein Fußgänger mit Hund vorbei. Sein Blick verriet, dass er sich fragte, was ich da mit dem eigenartigen Ungetüm (dem Fernrohr) wohl zu suchen hätte. Ich kam seiner Frage zuvor und lud ihn zu einem kurzen Blick auf den verfinsterten Mond ein, den er auch dankbar annahm. Solche Augenblicke zeigen immer wieder, dass ein Astronom mit Fernrohr doch recht exotisch, fast ein wenig konspirativ, auf Otto Normalverbraucher wirkt. Wenn aber die erste Skepsis beseitigt ist, zeigen sich viele Zeitgenossen durchaus interessiert.

Abbildung 4: Mondfinsternis über Remscheid
(© P. Kalbitz)

Schließlich, so gegen 5:14 Uhr, verschwand der letzte Rest ungetrübten Sonnenlichts auf der Mondoberfläche. Dies war der Moment, in dem die totale Mondverfinsterung eintrat. Doch obwohl es ja gar keine wirklich "totale" Finsternis sein dürfte (siehe das kupferfarbene Licht), verschwand der Mond trotzdem vollkommen von der Bildfläche! Ich hatte gehofft, seinen blassen kupferroten Schimmer während der Totalität knapp über der Silhouette der Remscheider Innenstadt zu sehen - es wäre ein tolles Bild geworden. Doch ich hatte meine Rechnung ohne die Sonne gemacht. Sie erdreistete sich nämlich, so gegen 5:00 Uhr im Osten aufzugehen und damit den Himmel immer stärker aufzuhellen. So war es nur konsequent, dass der zarte Mondschimmer in der heller werdenden Dämmerung und dem leichten Horizontdunst förmlich "unterging". Letzteres tat der Mond dann wenig später um 5:41 Uhr, gegen Mitte der totalen Verfinsterung, tatsächlich, denn er tauchte unter den Horizont ab - die Finsternis war für mich vorbei!

Auch wenn ich das Ereignis nicht in kompletter Länge und Pracht habe verfolgen können, so bin ich dennoch zufrieden, weil solch ein Schauspiel allein schon wegen seiner Seltenheit sehenswert ist und sich hier vor unseren Augen ein kosmischer Vorgang abspielt, bei dem man nicht nur die extraterrestrischen "Schauspieler" Sonne und Mond, sondern auch das Schattenbild unseres Heimatplaneten sieht. Und trotz der ungünstigen Helligkeit des Himmels war meine Fotoausbeute noch zufriedenstellend.

Also: die nächste Mofi - am 9. November 2003 - kann kommen!


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de