AVRS WebJournal Ausgabe 3/2003 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Am Observatorium "La Silla" in Chile

von Jens Kauffmann

Oft reisen europäische Astronomen auf die Südhalbkugel der Erde um von Europa aus nicht zugängliche Himmelsregionen zu studieren. Auch ich hatte im Rahmen meiner Diplomarbeit die Gelegenheit, das Observatorium "La Silla" Ende September 2002 in den chilenischen Anden zu besuchen. Neben phantastischen astronomischen Beobachtungsmöglichkeiten bot die Reise auch einen knappen Einblick in ein fremdes Land.

SEST im Abendlicht
Abbildung 1: Das Radioteleskop SEST im Lichte des chilenischen Sonnenuntergangs.
(© J. Kauffmann)

Inhalt

Auftakt

"Jens, kannst Du nicht vielleicht nach Chile fahren?" Frank Bertoldi, als Betreuer meiner Diplomarbeit quasi mein Chef am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn (hiernach MPIfR), hatte ein Problem. Kurzfristig mußte er einen Mitarbeiter für Beobachtungen bei dem am Observatorium "La Silla" in den chilenischen Anden stehenden Radioteleskop "SEST" finden. Nur - so kurzfristig war das schwierig. Der eine machte Urlaub, einige hatten schlichtweg keine Lust. So blieb es dann an dem in der "Hackordnung" ganz unten stehenden Diplomanden hängen - der natürlich gaaanz unglücklich über diese Gelegenheit zu einer Fernreise war.

Und so freute sich der Diplomand nach ein paar Tagen Bedenkzeit schon auf die Chile-Reise. Umgehend leierten wir die Reisevorbereitungen an. Nun folgte noch eine kurze Zeit des Bangens: Waren noch Plätze in den transatlantischen Fliegern frei? Konnte ein passender Flug für die in einem Monat anzutretende Reise gebucht werden?

Es konnte. Damit stand fest: Ich sollte am 24. September 2002 erstmals in meinem Leben einen den europäischen Kontinent verlassenden Flug antreten.

ESO: Europäische Astronomie in Chile

Die Tage bis zur Abreise nutzte ich dazu, mich ein wenig über die europäische Astronomie in Chile zu informieren. Ein guter Ausgangspunkt hierzu ist die Geschichte des Observatoriums La Silla. Kürzlich erschien zudem die Jubiläumsausgabe des "ESO Messenger" (14MB). Chile ist ein Traumland für den Astronomen: Ein klarer Himmel ohne Wolken, weitläufige, weitgehend unbesiedelte Landschaften ohne störendes Stadtlicht, hohe Berge, deren Gipfel die für die Astronomie so störende Erdatmosphäre zu großen Teilen unter sich zurücklassen, und eine stabile politische Lage (die ist bei dem Konkurrenz-Standort Namibia immer ein Problem geblieben) machen die nördlichen chilenischen Anden zu einem idealen Standort für Sternwarten. Kein Wunder also, daß bereits in den 1960er Jahren Chile als Standort für ein europäisches Großobservatorium ausgewählt wurde.

Im Jahr 1964 wurde nach Ratifizierung der ESO-Konvention durch alle Gründungsstaaten die "Europäische Südsternwarte", die ESO, ins Leben gerufen. Diese sollte als Träger des Observatoriums in Chile dienen. Das ESO-Hauptquartier wurde in Garching bei München eingerichtet. Im selben Jahr wurde auch der Berg Cinchado-Nord nord-östlich der Hafenstadt La Serena als Standort für eine Sternwarte ausgewählt, der aufgrund seiner Form auch unter dem Namen "La Silla" - der Sattel - bekannt war.

Erst am 25. März 1969 wurde dann endlich das Observatorium La Silla in Betrieb genommen. Die Teleskope waren zu diesem Zeitpunkt mit 1.0 m und 1.5 m noch nicht sonderlich groß. Aber es war ein wesentlicher Anfang. Das mit 3.6 m Durchmesser bis heute größte Teleskop auf La Silla ging 1976 in Betrieb. Weitere Meilensteine waren der Bau des Radioteleskops SEST (1987) und des New Technology Telescope (1989, hiernach NTT). Heute stehen 9 ESO-Teleskope in La Silla, wovon noch 6 Geräte betrieben werden. Daneben gibt es auf dem Berg 8 nationale Teleskope, die in relativer Unabhängigkeit von der ESO von einzelnen Staaten errichtet wurden. Hiervon sind noch 3 Teleskope in Betrieb. Auf neuere europäische Projekte in Chile, darunter vor allem das VLT und das Radiointerferometer ALMA, gehe ich weiter unten ein.

Es sei nebenbei bemerkt, daß man auf den Standort Chile erst durch US-amerikanische Hinweise aufmerksam wurde. Entsprechend gibt es auch eine Reihe von Observatorien die von US-amerikanischen Institutionen betrieben werden. In Sichtweite der Sternwarte La Silla liegt das Observatorium Las Campanas, welches der Carnegie Institution gehört, und östlich von La Serena findet man das Cerro Tololo Inter-American Observatory (CTIO), welches vom US-amerikanischen National Optical Astronomy Observatory (NOAO) betrieben wird. Das CTIO erstreckt sich über ein riesiges Areal (siehe Karte des Areals). Beide Observatorien beherbergen Teleskope die weitaus größer sind als das in La Silla stehende 3.6m Teleskop. Am sich in Sichtweite von La Silla befindenden Observatorium Las Campanas stehen die beiden 6.5m Teleskope des Magellan Projekts, am CTIO findet gar das südliche der beiden 8m Teleskope des Gemini Projektes. Zudem wurde der südliche Teil des Two Micron All Sky Survey (2MASS) am CTIO durchgeführt.

Die Anden Abbildung 2: Blick auf die Anden. Vom Flugzeug aus kann die Bergkette über weit mehr als 100 km bis zum Horizont verfolgt werden.
(© J. Kauffmann)

Anreise

Die Anreise war ein Erlebnis für sich. Sei es der überdimensionierte Flughafen "Charles de Gaule", wo ein Bus die Passagiere eine Viertelstunde lang über das nicht enden wollende Flugfeld fährt. Sei es der Flug über den Atlantik, fast in Blickweite des mystischen Kontinents Afrika, auf dem wir fast pausenlos so sehr durchgeschüttelt wurden, daß wir uns laufend wieder anschnallen mußten. Sei es die Zwischenlandung in Buenos Aires, wo ich erstmals südlich des Äquators gelegenen Boden betrat. Dies alles währe einen eigenständigen Bericht wert.

Worauf ich mich hier aber beschränken muß ist der Flug über die Anden. Denn schließlich tauchte in Flugrichtung eine den ganzen Horizont entlanglaufende Linie auf. Die Anden! Es ist ein Anblick den ich nur schwer in meinem Leben wieder vergessen werde. Sie sind eine Kette aus schneebedeckten Gipfeln, die sich am hunderte Kilometer entfernten Horizont verliert. Sie sind ein Gebirge, daß abrupt aus der Ebene zu Graden von fast 7000 m Höhe aufsteigt. Sie sind eine Barriere, die nur schwerlich von Mensch und Tier überwunden werden kann. Staunend betrachtete ich dieses Weltwunder der Natur, diese längste Gebirgskette der Welt, die mein Sitznachbar bereits in etwas flacherer Variante im viele tausend Kilometer entfernten Kalifornien kennen gelernt hatte.

Gast der ESO

Trotz der Verspätung meines Fluges (wir waren kurzzeitig in Buenos Aires bestreikt worden) stand am Ausgang des Flughafens in Santiago de Chile der Fahrer der ESO mit seinem Schild bereit. So kristallisierten sich aus den hunderten Passagieren meines Fluges letztendlich neben mir noch zwei weitere Astronomen heraus, die die Reise über den Atlantik im gleichen Flugzeug bestritten hatten ohne von einander zu wissen.

Die ersten Minuten außerhalb des Flughafengebäudes waren doch sehr ernüchternd für mich. Ich hatte mehr als zwölf Stunden im Flieger verbracht, hatte Ozeane überquert, war über Wüsten dahingeglitten, befand mich nun weit südlich des Äquators und hatte das längste Gebirge der Erde hinter mir gelassen - und doch war ich nach dieser fast schon fantastischen Reise wieder in Europa gelandet!

Die Straße, über welche unser Fahrer seinen Wagen in südländischer Manier dahinschießen ließ, hätte ebenso gut in Spanien liegen können. Lediglich die sehr selten am Wegesrand auftauchenden Armenhütten wollten nicht so ganz in ein europäisches Straßenbild passen. Endlich erreichten wir das Zentrum der 5-Millionen-Metropole. Der einzige unterschied zu einer europäischen Stadt war, daß hier offenbar geplanter gebaut worden war. Hier hatte sich das System der Blocks eingebürgert. Dann - nachdem wir einige bewachte Wohnanlagen passiert hatten - erreichten wir das ESO-Gästehaus.

Dieses ebenerdige, von Hochhäusern umschlossene Gebäude war der ESO einst vom chilenischen Staat geschenkt worden. Im Innenhof bereiteten ein Teich und Wasserspiele eine Zone der Ruhe, um das Gebäude herum lag ein kleiner Park. Die ESO ist bekannt für ihren aufwändigen Stil. Ich jedoch hatte erst einmal genug und zog mich zur Bettruhe zurück. Am späten Abend besuchte mich dann Diego Mardones, Professor an der lokalen Universität, um mich für den Beobachtungslauf am Radioteleskop zu instruieren. Leider fand er erst so spät am Tage Zeit für mich, da sich seine Tochter im Laufe des Tages ein Bein gebrochen hatte. So fiel dann auch eine genauere Erkundung von Santiago ins Wasser. Während meines Aufenthaltes wurde ich von den Stewards des Gasthauses umsorgt, die einem die Wünsche wirklich von den Augen ablasen. Ein Service, den ich aufgrund der Untergebenheit der Angestellten nicht sehr genoß.

Der Weg nach "La Silla"

Am üppigen Frühstücksbuffet lernte ich einen britischen Programmierer kennen, der zu Arbeiten an Verwaltungssoftware für einige Wochen in Santiago weilte. Mit ihm verließ ich dann auch das Gasthaus Richtung ESO-Hauptquartier. Der Verkehr rollte flüssig über die von heller Frühlingssonne beschienenen Boulevards. Ungewohnt war nur der Anblick der vielen Straßenhändler, die vor den Ampeln Zeitungen und viel Krimskrams verkauften. In einer ruhigeren Seitenstraße, deren Seite mit vielen deutschsprachig beschrifteten Geschäften (z.B. "Möbel"; die Freundschaft zwischen Chile und Deutschland hat eine lange Tradition) bestanden war, erreichten wir das ESO-Hauptquartier.

Es folgte ein umständliches Kontrollprozeduum. Alle Mitarbeiter der ESO, die das Gelände betreten, müssen der dreiköpfigen Wachmannschaft eine computerlesbare ID-Karte präsentieren. Dies gilt aber nicht für Gäste. Ich wurde bei betreten des Geländes weder nach Begehr, noch nach Namen gefragt. Ein Vorgehen, wie es sicher nur bürokratisch geschultes Personal begreift.

Während die ESO-Hauptverwaltung in Garching bei München liegt, verwaltet das chilenische ESO-Hauptquartier die chilenischen Besitzungen der ESO. Hierunter sind "La Silla" zu welchem ich reißte, "Paranal", der Standort des VLT in der Nähe von Antofagasta, und "San Pedro de Atacama", wo in naher Zukunft dutzende von Radioteleskopen platziert werden sollen. Als wir mit dem Wagen auf weitere Passagiere für die Fahrt zum Flughafen warteten hatte ich die Gelegenheit einen kurzen Blick in das Gebäude zu werden. Der hölzerne Empfangstisch in der Eingangshalle hätte auch gut zu einem Hotel der gehobenen Preisklasse gepaßt.

Auf dem weg zum Flughafen kamen wir erneut an einigen Hütten vorbei. Da Chile zu den reichsten Ländern Südamerikas zählt nehmen derartige Bauten nicht ganze Viertel ein. Auf freien Arealen sprießen sie aber trotzdem aus dem Boden. Meist machten diese Siedlungen allerdings einen halbwegs geordneten Eindruck. Oft stand neben einer Hütte ein Auto. Was ich aber sehr bemerkenswert fand: Auch an den ärmsten Hütten war oft die chilenische Flagge gehißt. Man war nicht vom Leben verwöhnt - aber trotzdem stolz auf seine Herkunft! Ich hatte keinen Kontakt zu den übrigen eingestiegenen Astronomen. Sie vergruben sich lieber in ihre Zeitungen.

Der Pazifik. Abbildung 3: Der Pazifik nahe La Serena. Das feuchte Küstenwetter ist mit verantwortlich für die staubfreie Atmosphäre am Observatorium La Silla.
(© J. Kauffmann)

In einem kleineren Linienjet starteten wir Richtung La Serena. Von dort sollte uns ein Bus zu dem Observatorium bringen. Da ich keinen Fensterplatz ergattert hatte, beschäftigte ich mich ein wenig mit meinem Tagebuch. Ein Silberstreif am Horizont ließ mich jedoch hochschrecken. Ich sah erstmals den Pazifik!

In La Serena ging es mit kleinen Bussen zum zentralen Busbahnhof. Ich war etwas erschrocken hier Schulen mit zerbrochenen Fenstern zu sehen. Am Busbahnhof stand ein großer Bus bereit, der neben mir noch etwa 30 weitere Angestellte der ESO aufnahm. Nach wenigen Minuten sausten wir auf einer breiten Straße Richtung Norden. Ich war etwas irritiert, als wir Checkpoints der Polizei passierten. Diese Stationen sind Überbleibsel der Diktatur unter Pinochet. Dieser hatte von 1973 bis 1989 nach einem Putsch das Land regiert. Nach seiner Abdankung als Präsident war er aber noch bis 1998 Oberster Befehlshaber der Streitkräfte und der neue Befehlshaber wurde von Pinochet eingesetzt. Auch weiterhin ist, neben Heer, Marine und Luftwaffe, die Polizei die vierte Teilstreitmacht des chilenischen Militärs.

Die breite Straße, die uns zum Observatorium brachte, was die Panamerikana. Wie so viele der eigentlich so faszinierenden und exotischen Dinge auf meiner Reise, kam die Panamerikana ganz unspektakulär daher. Schmierig schlängelte sie sich an den vom Küstennebel überdeckten, von mannshohen Kakteen bestandenen Hügeln entlang. Bald erreichen wir den Pazifik, dessen Ufer wir einige Kilometer folgten. Beiderseits der Straße standen abgelegene Gehöfte, die teilweise von ein paar Ziegen umstanden waren. Auch hier konnte ich die Vorliebe der Chilenen Fenster und Höfe mit Gittern zu vergattern beobachten (siehe auch weiter unten). diese Leidenschaft, die wie in Spanien (siehe auch den Artikel Abenteuer in Spanien - Beobachtungen am IRAM-30m-Teleskop bei Granada) weder mit Abgelegenheit der Besitzungen, noch mit Besitzstand korreliert zu sein scheint.

Nach vielen Kilometern verließen wir die Küstenregion und stiegen hinauf in die Küstenkordelliere. Neben einer klimatisch bedingten Nord-Süd Teilung des 4300 km langen Landes (die Entspricht - auf die Nordhalbkugel projiziert - der Region zwischen Timbuktu und Kopenhagen) gibt es eine geografisch bedingte Teilung Ost-West Teilung des durchschnittlich nur 160 km breiten Landes. An der Pazifikküste liegt die Küstenkordelliere, die flach zu den Ufern des Pazifik ausläuft. Weiter im Landesinneren folgt das Längstal, welches sich über viele tausend Kilometer deutlich aus der Landschaft abhebt. Es schließt sich die Hochkordelliere - die Anden - an, wo die Gipfel auf viele tausend Meter ansteigen.

Als wir das Längstal erreichten änderte sich die Vegetation deutlich. In der ständig vom Nebel bedeckten Küstenregion waren die Hänge grün gewesen. Nun wurde der Boden immer ausgedorrter. Bald fuhren wir unter strahlend blauem Himmel dahin. Auf unserer etwa zweistündigen Reise passierten wir nur ein einziges, aus vielleicht 200 Hütten bestehendes Dorf. In dieser Region war zivilisatorische Lichtverschmutzung wirklich kein Problem für Astronomen.

Endlich bogen wir von der Panamerikana an einem imposant-gigantischem La-Silla-Schild (die ESO klotzt - immer) auf eine staubige Piste ab. Über den ebenen Boden des Längstales strebten wir der Hochkordelliere entgegen. Wir passierten auch einen kleinen Landeplatz, über den in der Vergangenheit die besuchenden Astronomen mit Sportflugzeugen eingeflogen worden waren (SuW 2/2003, 26). Wir erreichten das "Camp Pelicano", einer wahren Oase am Fuße der Anden, wo die Zugangsstraße zum Observatorium kontrolliert wird. erstmals konnte ich nun auch in der Höhe über uns die Teleskopkuppeln als funkelnde Punkte ausmachen.

Das Längstal. Abbildung 4: Das Längstal zwischen der Küsten- und Hochkordelliere. Nach nur einer Stunde Fahrzeit hat sich das Grün der Küstenregion aus Abb. 3 in eine staubige Strauchlandschaft verwandelt.
(© J. Kauffmann)

Auf einer schmalen, aber nun wieder asphaltierten Straße kroch der Bus den Berg hinauf. Beiderseits der Straße lag ausgedorrter Boden. Bald erreichten wir die Vegetationsgrenze: Mit zunehmender Höhe wurde die Landschaft wieder grüner! Dies lag an den Schneefällen, die im vorausgegangenen Winter niedergegangen waren. Sie brachten allerdings nur Wasser in größere Höhen. Die schneefreien Tiefländer gingen leer aus.

Ankunft am Observatorium

Endlich erreichten wir das Observatorium. Wir parkten vor dem Hauptgebäude. Die übrigen Passagiere verliefen sich rasch, während ich als einziger Gastbeobachter im Bus etwas orientierungslos war. Schon aber kam ein kleiner ESO-Angestellter im schlecht sitzenden Kittel gelaufen. Er begrüßte mich und machte mir mit Händen und Füßen verständlich, daß er mich zu meinem Zimmer bringen würde. Ich wurde in einem kleinen Schlafgebäude einquartiert. Eine kleine Wohnung stand mir hier zur Verfügung. Auch ein eigenes Telefon stand mir zur Verfügung. In dieser abgelegenen Region der Erde konnte ich problemlos eine glasklare Verbindung nach Deutschland bekommen.

Danach begab ich mich zur Rezeption. Auch hier wurde ich sehr höflich begrüßt. Ich bat um Kontaktaufnahme zum Teleskop-Team, jedoch meldete sich vorübergehend niemand dort. Erst nach dem Mittagessen erreichte ich die Mannschaft des SEST. Markus Nielbock holte mich mit dem Wagen ab - und begrüßte mich auf Deutsch. Er war nach seiner Doktorarbeit in Bochum als Astronom zur ESO gewechselt.

Auf der Fahrt zum SEST überquerten wir das gesamte Areal des Observatoriums (siehe auch Lageplan des Observatoriums). Zunächst ging es vorbei an einigen "kleinen" Teleskopen der 50cm-Klasse, dann passierten wir Teleskope die das ESO 2.2m-Teleskop, fuhren anschließend zwischen dem riesigen ESO 3.6m-Teleskop und dem ESO NTT (3.5 m) hindurch und erreichten das auf einem Grad am äußersten Rand der Anlage gelegene SEST.

Abbildung 5: Luftbild des Observatoriums La Silla mit Blick nach Osten. Das Hauptgebäude befindet sich etwas rechts und oberhalb der Bildmitte. Auf selber Bildhöhe sind auch die Schlafgebäude zu sehen. In der unteren Bildhälfte liegen Werkstätten. Die obere Bildhälfte wird von den Teleskopen eingenommen. Ganz oben im Bild, ein deutliches Stück links des größten Kuppelgebäudes, ist das SEST als silberner Streif zu sehen. Bei der Orientierung mag auch ein Lageplan der Anlage helfen.
©ESO

Leider erzählte mir Markus auf der Fahrt von Problemen mit dem Bolometer, welches ich für die Beobachtungen verwenden wollte. Das Kühlsystem, welches Teile des Bolometers bis auf 0.3° über den absoluten Nullpunkt abkühlt, hatte in den letzten Tagen verrückt gespielt. Es war unklar, wie sich das Gerät in den kommenden Tagen verhalten würde. Eine andere bochumer Astronomin beobachtete allerdings gerade und war mit den Resultaten offenbar recht zufrieden. Auch im Regelfall müssen die Beobachtungen alle zwei Tage für einige Stunden unterbrochen werden um das Kühlsystem zu warten. Aufgrund des unverstandenen technischen Problems hatte man allerdings nun sicherheitshalber den Wartungszyklus auf nur einen Tag verkürzt.

Ich hatte nun auch erstmals Gelegenheit einen Blick auf das Teleskop zu werfen. Das "Swedish-ESO Submillimetre Telescope" - kurz SEST - hat einen Durchmesser von 15 Metern und ist - wie der Name schon sagt - zu Beobachtungen im Millimeter- uns Submillimeterbereich geeignet. Hierzu ist eine Teleskopoberfläche hoher Güte notwendig. Die Schüssel des Teleskop glänzt wie ein optischer Spiegel. Was auch seine Probleme mit sich bringt. In der Aufbauphase im Jahr 1987 wurde das Teleskop versehentlich auf die Sonne ausgerichtet. Als die Arbeiter nach einem Tag an die Küste wieder zum Teleskop kamen war der Fangspiegel über dem Hauptreflektor gänzlich verkokelt. Seitdem ist das weitaus meistverwendete Wort im SEST-Handbuch "Sun-Alarm". Sollte die Software ein unbeabsichtigtes Schwenken in Richtung Sonne registrieren, sollte der Temperatursensor im Teleskop anschlagen, sollte... Ein Panoptikum des Grauens wird vor dem Gastbeobachter ausgebreitet.

Ich arbeitete ein paar Stunden lang an den Computern um die Quellenliste für das Teleskop vorzubereiten. Gegen sechs hatten wir Abendessen in der Kantine, in der Dunkelheit begab ich mich dann zur Nachtruhe. Nicht aber ohne zuvor einen Blick zum südlichen Sternenhimmel über mir geworfen zu haben. In der klaren Bergluft erschien mir die Milchstraße dreidimensional! In Deutschland nur mit dem Fernglas auszumachende Nebel waren klar mit dem bloßen Auge auszumachen und die Magellanschen Wolken standen am Südpol. doch dazu mehr weiter unten.

Die Beobachtungen

Beobachten mit dem SEST

Am nächsten Morgen genoß ich ein reichhaltiges Frühstück, arbeitete noch etwas an den Positionskatalogen für die Beobachtungen, und wartete dann auf den Beginn meines Programms. Ich war doch reichlich nervös, war ich doch erstmals vollständig als Beobachter auf mich allein gestellt. Im Gegensatz zu den zuvor von mir besuchten Teleskopen in Granada (siehe Abenteuer in Spanien) und Effelsberg (siehe Beobachtungen mit dem Radioteleskop Effelsberg), wo die Kommandos in DOS-Manier in den Rechner einzutippen sind, kontrolliert der Beobachter das SEST über eine intelligente graphische Oberfläche, die recht idiotensicher ist.

Das SEST in der Nahansicht. Abbildung 6: Das SEST in der Nahansicht. Um bei sehr kurzen Radiowellenlängen beobachten zu können muß der Spiegel des SEST so genau sein, daß er nahezu optische Qualität erreicht. In dem Loch in der Mitte des 15m-Spiegels sitzt der Empfänger.
(© J. Kauffmann)

Die Sequenz der Beobachtungen ist weitestgehend an allen Radioteleskopen der Erde gleich. Regelmäßig macht man ein "Pointing". Dabei wird am Himmel ein Objekt mit bekannter Position, z.B. ein Planet, beobachtet, um die Ausrichtung des Teleskops zu kalibrieren. Hinzu kommen "Skydips", die die Durchsichtigkeit der Atmosphäre im Radiobereich messen. Hierzu wird die Helligkeit des Himmels in verschiedenen Zenitdistanzen - im Millimeterbereich ist die Erdatmosphäre weit heller als die astronomischen Quellen - gemessen, das Teleskop schwenkt hierzu aus der Horizontalen bis in die Vertikale.

Und natürlich beobachtete ich auch astronomische Quellen. Hierzu wurde das Teleskop gleichmäßig mit geringer Geschwindigkeit über den Himmel gefahren. Das Bolometer - eine "Schwarz-Weiß Kamera für den Radiobereich" mit 37 Pixeln - nahm kontinuierlich dabei Daten auf. Diese wurden - sozusagen nach Art eines Mosaiks - später zu einer Karte der beobachteten Region zusammengesetzt. Ich beobachtete wenige hundert Lichtjahre entfernte Staubwolken, in denen Sterne entstanden. Was das Bolometer registrierte war die Wärmestrahlung dieser Wolken, ganz ähnlich einer Hand die in die Nähe eines Feuers gehalten wird. (Die dabei gefühlte Wärme wird nicht von der Luft, sondern durch Infrarotstrahlung übertragen.) Nur das in diesem Fall die "Feuer" mindestens 300 Lichtjahre entfernt waren und eine Temperatur von 10° über dem absoluten Nullpunkt hatten.

Der Kontrollraum des SEST. Abbildung 7: Der Kontrollraum des SEST. Der Computer ganz links im Bild diente der Teleskop-Steuerung. Auf den beiden Rechner rechterhand werden die Messdaten in Karten der beobachteten Objekte verwandelt.
(© J. Kauffmann)

Ich sollte in den kommenden drei Tagen (ja, nur so wenig Zeit war mir zugedacht) zwei größere Sternentstehungsgebiete in den Sternbildern Wolf (Lupus) und Zirkel (Circinus) beobachten, eine weitere kleinere Region mit massereichen jungen Sternen und dazu eine endlose Liste kleiner Staubklumpen durchgehen. Wie oben bereits geschildert wurden die Beobachtungen etwa alle 18 Stunden für etwa 6 Stunden zur Wartung des Bolometers unterbrochen. Diese Zeit nutzte ich zum Schlafen.

Erlebnisse

Meist war das Beobachten langweilige Routine. Etwas aufregender wurde es allerdings, wenn ich eine der großen, ausgedehnten Wolken aufs Korn nahm. Dann wollten die Beobachtungsergebnisse sofort reduziert werden, um die weitere Beobachtungsstrategie zu planen. Vor allem bei der Region im Wolf wurde es spannend. Hier hatte ich selbst die Koordinaten für die Beobachtungen bestimmt.

Waren die Koordinaten korrekt? Hatte ich mich vielleicht bei der Transformation zwischen verschiedenen Koordinatensystemen vertan? Schließlich entstand dann vor mir aber tatsächlich ein deutliche Bild einer Sternentstehungsregion! Dieses Gebiet war zuvor in anderen Wellenlängen beobachtet worden und meine Beobachtungen paßten gut zu den zuvor aufgenommenen Karten. Es war ein Gefühl tiefer Befriedigung die Staubbänder langsam sich abzeichnen zu sehen.

Das Bolometer SIMBA. Abbildung 8: Felipe Mac-Auliffe füllt Stickstoff in das Bolometer SIMBA ein. SIMBA nimmt sich sehr schmächtig aus gegenüber vielen anderen astronomischen Instrumenten.
(© J. Kauffmann)

Weniger lieb ist mir die Erinnerung an den Tag an dem das SEST-Telefon streikte. Jedem Teleskop am Berg ist eine Zahl von Autos zugeteilt. Im Falle des SEST waren dies 3 Kleinwagen. Diese sollten ausschließlich am SEST oder am Hauptgebäude abgestellt werden. Brauchte man einen Wagen, so nahm man sich eines der geparkten Autos. Stand gerade keiner herum, so nahm rief man am Teleskop an um abgeholt zu werden. Nun war es aber zwölf Uhr Mittags, meine Beobachtungszeit begann eigentlich gerade, es gab keinen SEST-Wagen am Hauptgebäude und am SEST nahm niemand das Telefon ab. So blieb nur eines - Laufen! Als Astmatiker tat ich mich bei schnellem Gang auf der 1.6 km langen Strecke in 2400 m Höhe etwas schwer. Keuchend traf ich am Teleskop auf die über meine Verspätung etwas pikierte SEST-Crew. Die Telefon-Störung wurde daraufhin umgehend an jenem Nachmittag behoben.

Ganz ohne technische Probleme laufen Beobachtungen eigentlich nie ab. So gab es regelmäßig Probleme mit den Verstärkern. Oft erschienen die auf dem Bildschirm dargestellten Signale negativ, wo sie positiv hätten sein sollen. Wie auch bei einem spinnenden Heim-PC hilft hier am einfachsten ein Aus- und Einschalten.

Die Unabhängigkeit von der Tageszeit ist Segen und Fluch der Radioastronomen. Die Beobachter an optischen Teleskopen konnten bis in den späten Nachmittag hinein schlafen und sich dann in Ruhe auf die Nacht vorbereiten. Ich dagegen beobachtete etwa 18 Stunden pro Tag. Wenn ich zu meinem Schlafplatz fuhr waren die Parkplätze bereits mit den Wagen schlafender Astronomen vollgeparkt, wenn ich zum Teleskop fuhr hatten sie sich noch immer nicht gelehrt.

Eine große Hilfe war mir mein Nachtassistent Felipe Mac-Auliffe. Seine Aufgabe war es im Falle technischer Probleme bereitzustehen. Er verschaffte mir auch eine Atempause, wenn ich zum Nachtmahl gegen Mitternacht zur Kantine am Hauptgebäude fuhr und nicht selbst beobachten konnte. Er war aber auch eine gute Gesellschaft bei der im allgemeinen recht ermüdenden Arbeit. Felipe ist ein leidenschaftlicher Amateurastronom. In jungen Jahren bereits faszinierte ihn der Himmel. Leider fehlte ihm die passende Ausbildung um eine Position in der Astronomie zu bekommen. Zufällig aber lernte er einen Techniker der amerikanischen Observatorien kennen. Dieser brachte Ihn auf die Idee Operateur an einem Teleskop zu werden. Mit etwas Geduld schaffte er diesen Sprung dann auch tatsächlich. Mit Leidenschaft ist er nun nicht nur als Nachtassistent tätig, sondern kümmert sich auch um Touristen, die das Observatorium besuchen. Ich tat einen Glücksgriff mit diesem Mann.

Geparkte Autos am Hauptgebäude. Abbildung 9: Schon vor der Morgendämmerung geparkte Autos "optischer" Astronomen. Aufgrund meines 18-Stunden-Tages an einem nicht von der nächtlichen Dunkelheit abhängigen Teleskops blickte ich etwas neidisch auf den Lebenswandel meiner regelmäßig schlafenden Kollegen.
(© J. Kauffmann)

Da die einzelnen Beobachtungen grob 20 Minuten automatisch abliefen nahm ich mir oft die Zeit einen Blick in die Landschaft neben dem Kontrollgebäude zu werfen. In der Höhe von 2400 m wachsen nicht viele Pflanzen. Ein paar Grasbüschel sproßen zwischen den Steinen hervor. Entsprechend gibt es nicht viel Leben am Observatorium. Manchmal besuchen wohl wilde Esel den Gipfel, ich jedoch bekam sie nicht zu sehen.

Einmal bekam ich allerdings einen Vogel zu sehen, der über das Observatorium hinweg an dem Westrand der Anden entlangflog. Ich konnte es kaum glauben - es war ein Kondor! Leider verschwand er in der Ferne bevor ich die Kamera bereit gemacht hatte. Felipe erzählte mir später, daß diese Viecher eine Spannweite haben die einer PKW-Länge entspricht. Einmal hatte es wohl am Berg einen Unfall mit einem Esel gegeben, der tot am Straßenrand lag. Schon nach wenigen Minuten hatten sich die Müllmänner der Anden eingefunden: Sechs Kondore - einer größer als der andere - hielten sich an dem Tier gütlich! Auch Pumas gibt es wohl in der Region. Allerdings wurde am Observatorium bisher keine Großkatze gesichtet.

Der südliche Sternenhimmel

Nach drei Tagen war meine Beobachtungszeit am Ende. Es sei dahingestellt, ob eine derartig aufwendige Reise für eine Beobachtungszeit von nur drei Tagen gerechtfertigt ist. Wie dem auch sei: Nach der Kampagne verwandelte ich mich von einem Astronomen in einen Touristen!

Blick vom ESO 3.6m-Teleskop.
Abbildung 10: Blick vom ESO 3.6m-Teleskop auf das ESO NTT und die dahinter liegenden Teleskope bei Sonnenuntergang. Man beachte die zur Auskühlung der Teleskope geöffneten Kuppeln. Beachten Sie auch den Lageplan des Observatoriums.
(© J. Kauffmann)

Ich genoß den Sonnenuntergang. Klar waren am Horizont die Nebel der Küstenregion zu sehen. Diese sorgen übrigens auch für die klare Luft von La Silla, da Staub in dem bodennahen Nebel hängen bleibt. Schließlich berührte die Sonne den Horizont, verformte sich, formte immer plattere "Kissen" in den Atmosphärenschichten des Horizont - und abschließend sah ich einen Grünen Blitz! Dieses sehr seltene Ereignis ist auf die Brechung des Lichts in der Atmosphäre zurückzuführen. Dann wurde es rasch dunkel. Wie in den vorangegangenen Nächten wurde es recht frisch, jedoch fiel das Termometer nur auf die 10° Marke. Leider verpaßte ich es, die umliegenden Großteleskope geöffnet im Lichte der Abendsonne zu knipsen.

In vollen Zügen genoß ich eine klare Nacht unter dem südlichen Firmament. Ich hatte mir bereits in Deutschland ausgerechnet, daß ich in einer einzigen Nacht den gesamten mir fehlenden Südhimmel betrachten konnte. Wie oben bereits geschildert erschien mir die Milchstraße dreidimensional! Die tausende von Lichtjahren entfernten Staubkomplexe, die die hinter ihnen liegenden Partien unserer Galaxis verdecken, schienen mir zum greifen nahe. Diverse leuchtende Gasnebel, sogenannte HII-Regionen, waren mit freiem Auge zu sehen. Die Milchstraße mit Teleskop oder Fernglas zu beobachten hätte ich als Verschwendung empfunden.

Bei diesen Beobachtungen störte mich laufend ein Himmelskörper am Westhorizont, der mir - ähnlich einem Scheinwerfer - den Blick in den tiefen Himmel versagte, da mich das Licht blendete. Es war die Venus! Dieses Erlebnis - das ein Himmelskörper, welcher bei uns am Himmel mühevoll gesucht werden muß, in Chile die Beobachtungen stört - macht die Qualität des chilenischen Himmels besonders deutlich.

Als die Venus endlich unter dem Horizont verschwand machte ich ein kleines Experiment. Ich stellte ein Buch auf ein weißes Blatt Papier - und konnte den Schattenwurf des Buches im Licht der Milchstraße ausmachen! Ich hatte bereits zuvor von diesem Phänomen gehört, war aber doch sehr fasziniert als ich es selbst beobachten konnte.

Für den tieferen Blick in den Himmel mußte ich mich erst einmal am Südhimmel orientieren. Hierzu kann man in Chile nicht zuletzt Galaxien verwenden. Während man in Deutschland Galaxien findet, indem man sich an den helleren Sternen orientiert, konnte ich in La Silla die Magellanschen Wolken - zwei kleinere Nachbargalaxien der Milchstraße - verwenden um Sterne zu finden. Nahe des Kreuz des Südens machte ich ein "Loch" im Sternenband der Milchstraße aus, die bekannte Staubwolke des "Kohlensacks".

Dann widmete ich mich den Außenregionen der Galaxis. Der Kugelhaufen Omega Zentauri war schon mit dem bloßen Auge, noch besser aber mit dem Feldstecher zu sehen. Er ist der größte (bekannte) Haufen seiner Art in der Milchstraße. Nach einer Theorie sehen wir in Omega Zentauri den Kern einer in die Milchstraße hineingefallenen Galaxie. Dies schloß man daraus, daß die Sterne in diesem Kugelhaufen nicht alle das gleiche Alter haben.

Blick auf ESO NTT und 3.6m-Teleskop.
Abbildung 11: Morgentlicher Blick von den kleineren Teleskopen auf ESO NTT und 3.6m-Teleskop (links im Bild) und das SEST (etwas rechts der Bildmitte. Benutzen Sie zur Orientierung auch den Lageplan des Observatoriums.
(© J. Kauffmann)

Dann sprang ich zu den der Milchstraße am nächsten stehenden "Welteninseln" den beiden Magellanschen Wolken. Hier sind viele Milliarden Sterne durch ihre gegenseitige Anziehungskraft in einem Sternennebel gebunden. Die Magellanschen Wolken sind nur etwa 150000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Da die Milchstraße selbst einen Durchmesser von etwa 100000 Lichtjahren hat wundert es nicht, daß die Magellanschen Wolken stark durch die Anziehungskraft der Milchstraße gestört werden. In der Tat werden die Galaxien, die deutlich kleiner sind als unsere Galaxie, von der Milchstraße "verschluckt". Das in die Milchstraße hineinfallende Gas, den sog. "Magellanschen Strom" kann man übrigens sehr deutlich mit einem Radioteleskop ausmachen (siehe Homepage von Christian Brüns, Uni Bonn). Auch dem bloßen Auge offenbart sich die sehr unregelmäßige Struktur der Galaxien. In dem "verwirbelten" Gas der Magellanschen Wolken entstehen viele junge Sterne. So kommt es hier auch relativ häufig zu Supernovae, sehr hellen Sternexplosionen. So auch am 24. Februar 1987. Das als SN 1987A in die Geschichte eingegangene Ereignis wurde von dem La Silla benachbarten Observatorium Las Campanas aus entdeckt. Diese Supernova war die erste nahe Sternexplosion der modernen Astronomiegeschichte. Entsprechend wurden bei diesem nahen, hellen Ereignis (die Supernova war zu hell für viele Teleskope) viele, unser Verständnis der Sternentwicklung revolutionierende Entdeckungen gemacht.

Nach kurzer Bettruhe beobachtete ich erneut ab 4 Uhr morgens den Himmel. Nun konnte ich im September hoch am Himmel das "Wintersternbild" Orion beobachten. Erneut zog mich die Milchstraße in ihren Bann. Es ist ein Jammer, daß nicht möglich ist interessierten Sternwartenbesuchern einen solchen Himmel zu präsentieren. Anstatt sich mit Modellen unseres Kosmos zu behelfen kann man das Wirken des Himmels in Chile direkt sehen. Endlich zeichnete sich die Morgendämmerung ab. Ich nahm Abschied vom klarsten Sternenhimmel meines bisherigen Lebens.

Morgenbesuch bei Teleskop-Giganten

Wunder der Technik

Die Sonne kroch immer höher am Horizont. Im Morgenlicht kurbelte ich mit einem SEST-Fiat die Serpentinen zum ESO 3.6m-Teleskop hinauf, welches das Areal gesamte überragt (siehe auch Abbildung). Neben dem gigantischen Gebäude kam ich mir sehr verloren vor. Vor allem, da ich den Bau besichtigen wollte und keine Menschenseele zu dieser - für Astronomen - späten Stunde im Tageslicht noch hier herumtrieb. Nach einigen Minuten versuchte ich es mit dem Telefon am Eingang. Kaum hatte ich gesagt, daß ich ein besuchender Radioastronom war, sprang auch schon die Tür elektronisch entriegelt auf.

Zwischen den Türmen des ESO 3.6m-Teleskops. Abbildung 12: Der ESO Fiat verliert sich zwischen den Türmen des ESO 3.6m-Teleskops. Man beachte, daß der Hauptspiegel des Teleskops von seinen Dimensionen her mit dem Auto vergleichbar ist!
(© J. Kauffmann)

Ich betrat den Turm - und staunte. Der gesamte Turm, auf dessen Spitze das Teleskop stand, war leer!. Auf einer an der gekrümmten Seitenwand befestigten Leiter stieg ich etliche Meter in dieser hohlen Halle empor. Oben angekommen schlug ich mich irgendwie auf den menschenleeren Fluren zum Kontrollraum durch. Hier traf ich endlich ein paar Menschen, die gerade in einer Diskussion vertieft waren. Ich bat um die Erlaubnis, daß Teleskop zu besuchen, die mir auch gewährt wurde. Da sich die Gruppe dann aber sofort wieder ihrer Diskussion zuwandte, muße ich noch gesondert um die Erklärung des Weges zum Teleskop fragen.

Das ESO 3.6m-Teleskop ist riesig. Zwar ist der Spiegel an sich nicht so gigantisch, jedoch ist für seine Ausrichtung einiges an Aufwand zu betreiben. In einer mächtigen Gabel, an deren Motoren gerade ameisenhaft wirkende Techniker arbeiteten, trohnt der wuchtige Gitterrohrtubus. Die Kuppel, in der das Teleskop steht, ist sehr überdimensioniert. Heute würde man vermutlich kompakter bauen. Nur schlecht gelang es mir, die Szenerie im Bilde festzuhalten. Entsprechend seines Einweihungsjahres 1974 ist das ESO 3.6m-Teleskop paralaktisch montiert.

Die Such-den-Kontrollraum-Aktion wiederholte sich auch am ESO NTT (3.5 m Spiegeldurchmesser). Das New Technology Telescope, wie es mit vollem Namen heißt, ist eines der exotischsten seiner Art. Im Jahr 1989 wurde es errichtet um neue Techniken, insbesondere jene für das VLT, zu testen. So bewegt sich der Schutzbau des alt-azimutal montierten Instruments bei Drehungen mit dem Instrument mit! Der Kontrollraum selbst ist ebenfalls im bewegten Teil des Gebäudes untergebracht. Beim Beobachten wird der Astronom also ordentlich durchgeschüttelt!

Der Kontrollraum des ESO NTT. Abbildung 13: Der fensterlose Kontrollraum des ESO NTT erinnerte an die Zentrale eines U-Bootes.
(© J. Kauffmann)

Der fensterlose Kontrollraum erinnerte an die Zentrale eines U-Bootes. Batterien von Monitoren boten Einblick in den Zustand des Teleskops und Geheimnisse des Universums. Die Kontrollanlage ist weitestgehend eine Kopie der VLT-Ausstattung - bzw. ist es umgekehrt. Ein sehr freundlicher Techniker wies mir den Weg in die Kuppelräume und ließ mich dann allein. Die Kuppel des NTT war in drei Räume eingeteilt. In dem mittleren stand das eigentliche Teleskop. Das Dach dieses Raumes konnte zur Himmelsbeobachtung aufgefahren werden. In die seitlichen Kuppelräumen des Schutzbaus, welcher sich ja mit dem Teleskop mitdrehte, ragten die seitlichen Achsen der Montierung hinein. Geschützt vor der Außenluft waren hier die Instrumente, die Kameras und Spektrographen, untergebracht.

Die Spiegelzelle selbst hat Geschichte geschrieben. Das NTT war unter den ersten Teleskopen an denen Aktive Optiken getestet wurden. Beim NTT wird der riesige Spiegel von etlichen, auf seiner Rückseite angebrachten Stellmotoren "in Form gedrückt", denn große Spiegel verbiegen sich beim verkippen eines Teleskops. Erst durch Aktive Optiken wurden die Teleskope der 8m-Klasse möglich, glätten sie sich doch sonst unter ihrem Gewicht sonst gräßlich verbogen. Deutlich konnte ich die vielen Stempel unter dem Spiegel erkennen. Erneut wollten mir Fotos des Teleskops ob der Dimensionen nicht gelingen. Allerdings wirkte das Teleskop, wohl aufgrund der beengten Verhältnisse in diesem sparsam konstruierten Schutzbau, nicht so wuchtig wie das ESO 3.6m-Teleskop.

Ich verließ den zur dämpfung der Beton-Aufheizung weiß gestrichenen Parkplatz des NTT und erreichte bald das tiefer gelegene ESO 2.2m-Teleskop. Ein Klingeln, ein Durchwinken durch den Kontrollraum, und ich war in der Kuppel. Auch bei diesem Instrument war der Schutzbau deutlich überdimensioniert. Das ESO 2.2m-Teleskop faszinierte mich nicht so sehr durch seine Dimensionen, da hatte ich am Morgen doch schon andere Giganten gesehen, ich wollte vor allem die montierte Kamera zu sehen bekommen. Der an das Teleskop montierte Wide-Field-Imager (WFI) war in der Lage elektronische Bilder einer Kantenlänge von 30 Bogenminuten aufzunehmen. So belegte jedes Bild 140 MB Speicherplatz. Der WFI ist nur eines der ersten Exemplare einer neuen Gattung von Kameras. Aber diese Technik revolutioniert die Astronomie momentan.

Ein verzweifelter Student und ein historischer Tag

Bevor ich mich wieder hinlegen wollte, klapperte ich die meist stillgelegten, kleinen Teleskope nahe dem Hauptgebäude ab. Jeder Amateurastronom würde sich den rechten Arm abschneiden lassen um ein Teleskop mit 50 cm Spiegeldurchmesser unter dem perfekten Himmel von La Silla benutzen zu können. Vor Ort aber modern die Instrumente dahin.

Mir fehlte eine schöne Panorama-Aufnahme der kleineren Teleskope. Da war doch noch die Kuppel des ESO 1.5m-Teleskops geöffnet! Da war also noch jemand bei der Arbeit. Und von dem Dach des schön hoch gelegenen Gebäudes aus sollte man einen guten Überblick über das Gelände haben. Ich enterte die Stufen hinauf - und stand plötzlich vor einem total entnervten Studenten.

Blick vom ESO 1.5m-Teleskop. Abbildung 14: Meine schöne Panorama-Aufnahme der kleineren Teleskope vom Dach des ESO 1.5m-Teleskops. Der verzweifelter Student befand sich zu diesem Zeitpunkt in meinem Rücken. In dem Bild sind das Hauptgebäude (länglicher Bau hinter der untersten Kuppel) und ein paar Schlafhäuser (längliche Bauten rechts im Bild) zu sehen. Benutzen Sie zur Orientierung auch den Lageplan des Observatoriums.
(© J. Kauffmann)

Es war die Nacht zum 1. Oktober 2002 gewesen. Seit dieser Nacht unterstützte die ESO die beiden 1.5m-Teleskope am Berge - das der ESO und das dänische - nicht mehr, da die Teleskope für einen längeren Zeitraum anderen Instituten überlassen wurden. Nur hatte das den anreisenden Astronomen keiner früh genug erzählt. Der Student, der über praktisch keinerlei Beobachtungserfahrung verfügte, bekam immerhin noch kurz den Kontrollraum gezeigt. Der Beobachter am Dänemark 1.54m-Teleskop mußte gar Himmel und Hölle in Bewegung setzten um nach Dienstschluß den Türschlüssel aus einem ESO-Büro zu bekommen. Das derartiges in der sonst so kollegial betriebenen Astronomie möglich ist schockierte mich sehr.

Allgemein war die Stimmung unter den Technikern am Berg nicht besonders gut. Bereits am 1. Juli 2002 hatte man die früher eigenständig an den diversen optischen Teleskopen arbeitenden Teams zu einer einzigen Abteilung, "SciOps" (Science Operations) genannt, zusammengelegt. Und dabei kräftig Personal eingespart. Um ein Viertel der technischen Besatzung des Berges mußte gehen. Und ganz allgemein ist die Zukunft von La Silla im Zeitalter der 8m-Teleskope unklar. Zumal das SEST Ende 2003 eingemottet werden sollte (siehe auch weiter unten). Felipe, mein sympathischer Nachtassistent, der bereits am SEST-Nachfolger APEX (siehe weiter unten) eine neue Anstellung gefunden hatte, erzählte mir viel vom Rumoren unter den Technikern, die sich in der Welt der wichtigen Astronomen wohl ein wenig verraten vorkamen.

Doch an jenem sonnigen Morgen kümmerten mich all diese düsteren Zukunftsaussichten nicht. Ich hatte eine schöne Übersichtsaufnahme im Kasten und freute mich aufs Bett.

"He must be good if he's against Bush!"

Gegen 16 Uhr quetschte ich mich mit einigen anderen Leuten in den Kleinbus nach La Serena. Nach ein paar Kilometern kam ich mit Javier Valenzuela, meinem Sitznachbarn, ins Gespräch. Er war einer der SciOps-Leute und befaßte sich mit den Kühlsystemen der Kameras. Nach einiger Zeit gaben auch weitere Mitfahrer reichlich Kommentare zur ESO, Chile und Deutschland.

Hier erfuhr ich beispielsweise die Sache mit der Polizei als Teilstreitmacht des Militärs. Keiner trauerte Pinochet nach, aber die sehr positive Wirtschaftslage in Chile sei dann doch vor allem der Diktatur zu verdanken. Vor Pinochet habe im wesentlichen Chaos geherrscht, welches die sozialistische Regierung weiter angeheizt habe.

Deutschland wurde sehr hoch angesehen. Wie oben gesagt gibt es traditionell enge Handelsbeziehungen zwischen Chile und Deutschland. Zudem haben viele chilenische Angestellte der ESO Deutschland für technische Meetings besucht. So freute Javier sich auf seine erste Deutschlandreise im Mai 2003. Das Wissen der Chilenen über Deutschland ist teilweise überraschend detailliert. Als Bayern zur Sprache kam sagte einer, er hätte es nie verstanden, warum Deutschland in Ost und West gespalten wurde; eine Nord-Süd-Spaltung sei doch weit sinnvoller gewesen...

Als ich Kritik an dem unsteten Kurs unseres Kanzlers übte, lautete der Kommentar zu dem damaligen Bush-Gegner Schröder: "He must be good if he's against Bush!" ("Wenn er gegen Bush ist muß er gut sein!"). Auch in Chile verstand niemand die Bush-Krieger. Eine Einsicht, die sich bei Veröffentlichung dieses Artikels längst bewahrheitet hat.

Wir unterhielten uns so angeregt, daß ich die halsbrecherische Fahrt über die Panamerikana kaum wahrnahm. Kurz konnte ich noch einen Blick auf La Serena werfen. Die Häuser sahen teilweise wie aus Baukästen zusammenbetoniert aus. Vielleicht konnte man in den lokalen Baumärkten ganze Hauswände kaufen? Am vom beständigen Küstennebel verhangenen Flugplatz warteten wir auf das Flugzeug nach Santiago. Manchmal kann der Platz von La Serena aufgrund der tiefliegenden Wolken nicht angeflogen werden und der Reisende sitzt fest. Wir aber hatten Glück. In der späten Nacht erreichte ich das Gästehaus der ESO in Santiago.

Nachtspaziergang in Santiago

Aber ein wenig von Santiago wollte ich dann doch noch zu sehen bekommen. Da laut Reiseführer und Auskunft des Personals Santiago ein sicheres Pflaster ist machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Ich überlegte einen Bus zu nehmen. Einen Fahrplan fand ich nicht an den Haltestellen, einen Stadtplan hatte ich nicht, ein Taxi war mir zu teuer - so entschied ich mich für einen reinen Spaziergang.

Das ESO Gästehaus lag in einer besseren Wohngegend. Angeblich lebten hier vor allem Diplomaten. Die es offenbar gern sicher hatten. Die Hochhäuser hatten alle einen Pförtner, alleinstehende Häuser waren umzäunt und ab und zu gab es bewachte Wohnanlagen mit patrouillierendem Wachpersonal. Was nach Auskunft des ESO-Personals angeblich alles überflüssig sein soll. Ich habe mich auf meinem Spaziergang auch in keinerlei Hinsicht gefährdet gefühlt.

Alle Straßen Santiagos, die ich zu sehen bekommen habe, sind begrünt. Die breiteren Straßen haben gar einen meterbreiten, oft parkähnlichen Grünstreifen in ihrer Mitte. Eine solche Straße schlenderte ich entlang. Viel zu sehen gab es zunächst nicht. Am Rand standen leicht verlotterte Einfamilienhäuser, hier und da eine Kneipe oder ein Restaurant.

Interessanter war das Straßenleben. Gegen Mitternacht fuhr hier die Müllabfuhr herum. Vielleicht kamen sie im Tagesverkehr sonst nicht an die Häuser heran. Und plötzlich tauchten die Müllsammler auf. Sie fuhren schwer beladene, pedalgetriebene Dreiräder, die bis oben hin mit Pappresten vollgestopft waren. Es waren auch Frauen unter den Sammlern und sie sahen durchaus nicht hoffnungslos verlottert aus. Zwar strebten sie sicherlich den Slums am Rande der Stadt entgegen, jedoch waren sie damit nicht im deutschen Sinne des Wortes obdachlos.

Zwar fühlte ich mich nicht unsicher, aber ich kehrte doch um als ich an den Rand einer "wilden Siedlung" geriet. Bald war ich wieder im Gästehaus. Ich hielt noch einen kleinen Plausch mit dem Steward des Hauses. Wo ich denn gewesen sei, fragte er. Ich skizzierte meinen Weg auf der Karte. Seine Augen wurden groß, hörbar atmete er ein. Das sei aber ein nicht empfehlenswertes Viertel, meinte er entsetzt. Vielleicht hätte ich mich doch etwas unsicher fühlen sollen? Jedenfalls verstand ich nun warum zwei Damen ohne ersichtlichen Grund in schicklicher Abendkleidung am Straßenrand gestanden hatten...

Heimweg

Beim Start nach Buenos Aires hatte ich einen wunderbaren Blick auf Santiago. Die 5-Millionen-Stadt, die somit ein Drittel aller Chilenen beherbergt, machte auch aus der Luft einen sehr geordneten Eindruck. Die breiten Boulevards strukturierten die Stadt vorbildlich. In das nicht enden wollende Meer auch ein- oder zweistöckigen Bauten waren mehrere Flugplätze eingebettet und unbebaute Berge erhoben sich aus der Häusermasse. Santiago liegt in einem Talkessel. Glücklicherweise habe ich nicht unter dem oft herrschenden Smog leiden müssen. Trotzdem eigentlich ein schönerer Ort zu Leben als das Rheinland. Oder? Beim Einchecken warf die Schalterdame einen Blick auf mein Ticket, schaute zweimal, und stieß verzückt "Coloooonia! I love colonia!" hervor...

Santiago de Chile.
Abbildung 15: Zwischen Bergen eingeengt breitet sich die 5-Millionen-Metropole Santiago de Chile aus.
(© J. Kauffmann)

Über dem Atlantik wurden wir erneut heftig durchgeschüttelt, auf dem Flughafen Charles de Gaule sah ich nun bei Tageslicht die Flugzeuge wenige Meter entfernt am Bus vorbeirollen. Auf dem kurzen Hopser von Paris nach Köln-Bonn stopfte und das Kabinenpersonal der Lufthansa-Turboprop wieder mit Schokolade voll. Aber die deutsche Staatsgewalt hatte einen Empfang vorbereitet.

Etwa 10 Passagiere verließen an einem total verregneten 3. Oktober 2002 - also einem Feiertag mit Null Verkehr am Flughafen - den aus Paris kommenden Flug. Unter ihnen ein (unfreiwillig) etwas alternativ ausschauender junger Mann mit einem riesigen Rucksack. Der sich interessanterweise nur für 10 Tage in einem südamerikanischen Land aufgehalten hatte...

Ich hatte bereits etwas verwundert einen Mann beobachtet, der sich die Gepäckstücke auf dem Transportband ansah. Als ich zu meinem Rucksack griff kam er auf mich zu, zeigte mir eine "Marke" und bat mich "zur Seite": Der Zoll hatte es auf mich abgesehen! Er war dabei schon etwas reserviert. Als ich dann mit Händen und Füßen meinem in Sichtweite stehenden Vater zu verstehen gab, daß der Zoll mich ein paar Minuten lang sprechen wollte, blaffte der Herr ein "Daß ist aber nicht erlaubt!" zurück.

"Sie waren also für 10 Tage in Chile?", fragte der Zöllner. "Sie haben da Urlaub gemacht.", stellte er fest, während er dabei war die Kompressionsriemen meines Rucksacks zu öffnen. Ich korrigierte: "Nein. Ich war da beruflich." Seine Miene hellte sich schon etwas auf. "Da muß ich aber einmal fragen, waß Sie da gemacht haben." Ich erläuterte die Qualitäten Chiles im weltweiten Vergleich mit anderen Sternwartenstandörtern. "Na, dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten!" entließ er mich entspannt. Nun war ich doch etwas aus der Fassung geraten. "Ja, warum wollen Sie mein Gepäck denn nun doch nicht durchsuchen?", fragte ich etwas enttäuscht. "Das is' jetz' eben so!", war die Begründung des Zollbeamten, dem die ganze Sache wohl nun doch etwas peinlich war. Durch den bergischen Regen fuhr mich mein Vater ins elterliche Remscheid. Mama brachte ich Rauchwaren mit, aber die hatte der Zöllner gesehen.

Die Zukunft der Astronomie in Chile

Chile ist in der Zukunft noch mehr als in der Vergangenheit ein Hauptstandort für Teleskope. Gigantische Projekte sind in den abgelegenen Hochplateaus des Landes geplant. Doch knappe Mittel zwingen auch die Astronomen zum Umschichten ihrer Mittel.

So sieht es für die Zukunft von La Silla alles andere als rosig aus. Wo diese Zeilen geschrieben werden laufen gerade die letzten Wochen des SEST ab. In den kommenden Monaten wird ein großer Teil der SEST-Besatzung, und auch ein Teil der Technik, zum SEST-Nachfolger APEX wechseln. Das SEST sieht dann einer ungewissen Zukunft entgegen. Seit langer Zeit wird spekuliert, ob das SEST für eine spätere Wiederinbetriebnahme eingemottet, oder gar nach Europa verkauft werden soll. Eine klare Perspektive hat sich dabei nie ergeben und ich habe den Eindruck, daß man einfach den unausweichlichen Tod des SEST hinauszögern will.

Im März 2003 legte eine Arbeitsgruppe die Studie "La Silla 2006+" vor. Unter dem Strich wird empfohlen, das Observatorium bis auf das ESO NTT und das ESO 3.6m-Teleskop zu schließen. Auch das ESO 2.2m-Teleskop soll zugunsten des für Weitfeldaufnahmen optimierten Teleskops VST bald stillgelegt werden, wenn nicht auswärtige Institute das ESO 2.2m-Teleskop für eine gewisse Zeit anmieten. Die wird, wie weiter oben dargestellt, bereits bei den beiden 1.5m-Teleskopen praktiziert. Weiter wurde vorgeschlagen, das Observatorium La Silla dem Observatorium Paranal, welches das VLT beherbergt, zu unterstellen. Dies soll helfen Kosten zu sparen. Ich habe also vielleicht den letzten Winter in La Silla miterleben dürfen. Da das SEST geschlossen wird, werde ich als Radioastronom La Silla auch nie wieder in meinem Leben besuchen.

Am ESO Observatorium Paranal nahe Antofagasta entsteht gegenwärtig mit dem Very Large Telescope (VLT) das leistungsfähigste optische Instrument überhaupt. Schon seit Jahren sind die 4 Teleskope der 8m-Klasse einzeln benutzbar, aber schließlich sollen alle vier Teleskopriesen, und ein paar kleinere Teleskope dazu, "zusammengeschaltet" werden. Dazu wird das Licht aller Teleskope in einem Punkt zusammengeführt. So ist es möglich weit kleinere Strukturen aufzulösen, als dies mit Einzelteleskopen möglich ist. Doch am Paranal sollen noch weitere Instrumente ein Heim finden. Oben wurde bereits das 2.6 m messende Very Large Telescope Survey Telescope (VST) angesprochen. Hinzu kommt das Visible & Infrared Survey Telescope for Astronomy (VISTA) mit 4 m Spiegeldurchmesser. Beide Teleskope sollen große Gesichtsfelder um ein Quadratgrad ablichten können.

In den kommenden Jahren wird das Atacama Large Millimeter Array (ALMA), ein Verbund aus bis zu 64 Radioteleskopen mit 12 m Durchmesser, auf der Hochebene von Chajnantor aufgestellt werden. Dieses sehr kostenintensive Projekt - man spricht von mehr als einer Milliarde Euro - kann nur im Kooperation mit den USA realisiert werden. Da unwirkliche, auf 5000 m Höhe gelegene Plateau wurde wegen seiner extremen Trockenheit und der Nähe zum All - der größte Teil der Erdatmosphäre liegt unterhalb des Teleskopstandortes - ausgewählt. Beim Plateau von Chajnantor handelt es sich vielleicht um den besten Standort für Teleskope weltweit. Bleibt La Silla erhalten, so wird die ESO bald 3 Observatorien - La Silla, Paranal und Chajnantor - in Chile betreiben.

Schon heute beherbergt das Chajnantor Plateau nahe San Pedro de Atacama das Radioteleskop APEX. Wo diese Zeilen geschrieben wurden, legten Techniker gerade letzte Hand an das weitgehend aufgebaute Teleskop. Der SEST-Nachfolger APEX wird zur Hälfte vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR) in Bonn betrieben - jenem Hause, an dem auch ich selbst tätig bin. Ein Viertel der Betriebskosten, darunter vor allem auch die notwendige Infrastruktur, wird von der ESO aufgebracht. Zwar werde ich wohl La Silla nie wieder zu sehen bekommen. Aber die Tickets nach Chajnanto sind (fast) schon gebucht!


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de