AVRS WebJournal Ausgabe 3/2002 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Kurznachrichten aus Astronomie und Raumfahrt

zusammengestellt von Jens Kauffmann

Die hier gelisteten Themen versuchen eine Übersicht über die Geschehnisse in Astronomie und Raumfahrt im vorangehenden Quartal zu geben. Neues zu Vorgängen im AVRS finden Sie nicht in dieser Rubrik! Sehen Sie dazu in der Rubrik "Aus dem Verein" auf der Titelseite nach.

Gute deutschsprachige Artikel mit vertiefenden Informationen finden Sie bei AstroNews (ausführliche Artikel; schauen sie auch in die Monatsübersichten April, Mai und Juni hinein), Telepolis-Weltraum (sehr ausführlich) und ASTROIMAGE.DE (teils knapp, teils ausführlich). Sehr ans Herz sei auch der englischsprachige Cosmic Mirror gelegt (sehr straffe Darstellung; Ausgaben 236, 237, 238 und 239).

Ich habe in den untenstehenden Artikeln Verweise auf die Dienste AstroNews und Telepolis-Weltraum gesetzt. Bei ASTROIMAGE.DE findet man derartig viel Material, daß es mir nicht möglich ist bei vertretbarem Aufwand die Informationen zu ordnen. Die inhaltliche Darstellung orientiert sich am Cosmic Mirror.

Beachten Sie, daß es sich bei diesen Verweisen um externe Links (gekennzeichnet durch ) handelt. Wir distanzieren uns vorsorglich von den dort präsentierten Inhalten.


Vorangegangene Nachrichten: Kurzmeldungsarchiv

Platz

Feuerwerk über Süddeutschland

Am Abend des 6. April, um 21:20 Uhr MEZ um genau zu sein, trat ein Meteorit großen Kalibers über Österreich in die Erdatmosphäre ein und löste ein Spektakel aus - sowohl am Himmel, wie auch am Boden. Der Bolide (so nennt man die dicken, besonders hellen Meteoriten) erreichte die -15. Größe (vielleicht gar -20 mag zum Ende) und war damit um einen Faktor 40 heller als der Vollmond! Auch akustische Phänomene sollen durch den Fall ausgelöst worden sein.

Über die in dieser Größenordnung seltene, aber nicht ungewöhnliche Himmelserscheinung wurde offenbar von Polizei der lange gerätselt; militärische Übungen und herabstürzende Satellitenteile (war für jenes Wochenende von der NASA angekündigt) - und natürlich auch UFOs - wurden als Erklärung angeführt. Jedoch kann die Natur selbst auch ohne Menschenhilfe solche Schauspiele liefern. Peinlich wurde es, als ein Geologe einen aufgefundenen "eigenartigen" Stein als Bruchteil des Meteoriten identifizierte; später stellte sich der Brocken als Asphalt-Klumpen heraus, der von Straßenbauarbeiten herrührte.

Aber es gibt auch erfreuliches zu berichten. So konnten 7 der 25 All-Sky-Kameras des DLR-Feuerkugelnetzes (verteilt über Deutschland und benachbartes Ausland) den Fall beobachten. (Diese Kameras nehmen jede klare Nacht den gesamten Himmel auf um eventuelle Feuerkugeln fotografisch festzuhalten.) So läßt sich die Bahn des Boliden dreidimensional (durch Triangulation) bestimmen. Er leuchtete in 86 km Höhe auf und erlosch in 16 km Höhe westlich von Garmisch-Partenkirchen. Die Leuchterscheinung dauerte grob 5 Sekunden. Augenzeugen berichten vom schließlichen Zerplatzen des Boliden.

Die aus den Bildern bestimmte Bahn erlaubt einerseits die Suche nach Fragmenten die den Erdboden erreichten. Andererseits ist auch die Bahn, welche der Meteorit um die Sonne zog, nun bekannt. Der sonnenfernste Bahnpunkt lag im Asteroidengürtel, der Ursprung des Meteoriten sein dürfte. Die Bolidenbahn ist denen anderer Meteoriten mit bestimmter Bahn ähnlich. Dies legt die Existenz von Meteoriten- und Asteroidenströmen nahe.

Berichte zum Thema: DLR Pressemitteilung, AstroNews I, AstroNews II, Telepolis-Weltraum I, Telepolis-Weltraum II


Mars: Massenweise Wassereis

Mit dem Gammastrahlen-Spektrometer und dem Neutronen-Detektor auf dem Mars-Orbiter "2001 Mars Odyssee" wurden auf der Mars-Südhalbkugel große Mengen von Wasserstoff im obersten Meter des Marsbodens entdeckt. Der Wasserstoff liegt vermutlich in Form von Wassereis vor. Besonders wasserhaltige Böden wurden an Stellen gefunden, die generell als etwas kälter bekannt sind. Das Wassereis liegt ein paar dutzend Zentimeter unter dem Boden. In Eishaltigen Schichten scheint es mehr als 50% des Volumens einzunehmen.

Der Nachweis erfolgte folgendermaßen. Wenn Neutronen der der kosmischen Teilchenstrahlung mit dem Wasserstoff im Boden wechselwirken, so werden vom Wasserstoff Neutronen reflektiert und Gammastrahlen ausgesandt. Diese werden dann vom Orbiter gemessen. Durch diese Nachweisprinzipien kann man heute grob einen Meter in den Boden "hineinsehen". Die europäische Sonde "Mars Express" (ab 2003) soll gar mehrere Kilometer tief blicken können.

besuchen Sie im Internet: Sonde 2001 Mars Odyssee

Berichte zum Thema: AstroNews, Telepolis-Weltraum


Erste Bilder von Hubbles neuer Wunderkamera

In der letzten Ausgabe berichteten wir über die Servicemission für das "Hubble Space Telescope". Nun gibt es die ersten mit der neuen Kamera ACS aufgenommenen Bilder. Die Nachfrage nach diesen Bildern brachten die NASA Internet-Server wieder einmal an den Rande eines Zusammenbruchs. Auch die wiederbelebte NICMOS-Kamera (ihr war das Kühlmittel ausgegangen) produzierte wieder neue Aufnahmen. Unten finden Sie passende Verweise.

Es zeichnet sich ab, daß für den HST-Nachfolger NGST (Next Generation Space Telescope), der bereits deutlich abgespeckt hat, weiterhin keine konkreten Geldmittel bereitgestellt werden. Vielleicht hat man sich doch mit der ISS etwas übernommen. Vermutlich wird die HST-Mission in den Zeitraum nach 2010 verlängert.

Berichte zum Thema: AstroNews (ACS), AstroNews (NICMOS), STScI Pressemitteilung (ACS), STScI Pressemitteilung (NICMOS)


Weitere Exoplaneten entdeckt

Seit 1995 können Planeten bei anderen Sternen durch moderne Beobachtungstechniken beobachtet werden. Dabei sind nur große Objekte, etwa ab einer Jupitermasse feststellbar. Erdartige Planeten sind zu massearm. Bei der Beobachtung ist man auf indirekte Hinweise auf Planeten angewiesen. (Man beobachtet, wie die Sterne, um welche Planeten kreisen, durch die Schwerkraft der Planeten bewegt werden.) Bilder von Exoplaneten sind noch nicht möglich. Nun wurden wieder einmal neue Exoplaneten entdeckt. Die "Extrasolar Planets Encyclopaedia" vermerkt nun (Stand 02.07.2002) 100 Exoplaneten in 87 Planetensystemen. Mit so großen Datenbasen kann endlich Statistik betrieben werden.

besuchen Sie im Internet: Extrasolar Planets Encyclopaedia

Berichte zum Thema: AstroNews I, AstroNews II, Telepolis-Weltraum I, Telepolis-Weltraum II, Telepolis-Weltraum III (Interview)


Asteroid passierte die Erde in 120 000 km Distanz

Hätte 2002 MN die Erde getroffen, so hätte er zumindest lokal schwere Verwüstungen angerichtet. Bei 100 m Durchmesser hätte er aber schwerlich die Zivilisation zerstört. Der Asteroid passierte die Erde am 14. Juni - wurde aber erst drei Tage später entdeckt. Er kam aus Sonnenrichtung und war deshalb nicht früher zu sehen. Dies ist ein generelles Problem für die in den letzten Jahren langsam anlaufenden Asteroidensuchprogramme, die sich, neben dem normalen Wissenschaftsbetrieb, als "Frühwarndienst" verstehen.

Problematisch sind die globalen Auswirkungen bei Einschlägen von großen Asteroiden. Mit einem Kilometer Durchmesser zählt 1950 DA (bzw. Asteroid 29075) zu ihnen - und wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:300 im Jahr 2880 die Erde treffen! Aber es gibt technisch einfache Vorschläge um derartige Asteroiden abzulenken, wenn genügend Zeit zur Verfügung steht.

Berichte zum Thema: AstroNews


Neues von den Gamma-Ray-Burstern

Gamma-Ray-Burster (GRB's) sind gegenwärtig eines der rätselhaftesten Himmelsphänomene. Innerhalb eines Zeitbereiches von vielleicht einer Minute werden extreme Energien frei. Lange rätselte man aber, wo diese GRB's anzusiedeln sind. Handelt es sich um ferne Sternexplosionen, Phänomene bei Sternen im Halo der Milchstraße (Sterne die nicht in der galaktischen Scheibe liegen) oder gar um exotische Vorgänge in der Oortschen Wolke des Sonnensystems? Bereits lange befürworten die meisten Astronomen die Hypothese ferner Sternexplosionen. Nun kann diese weitgehend bewiesen werden.

GRB 011211 explodierte bereits am 11. Dezember des letzten Jahres, aber nun wurden die Analysen der Daten veröffentlicht. Mit dem Satelliten "XMM-Newton" der ESA konnten in den Röntgen-Spektren des GRB chemische Elemente, wie sie in Sternexplosionen (Supernovae) entstehen, nachgewiesen werden. Damit gilt als erwiesen, daß die GRB's mit Sternexplosionen verknüpft sind und in sehr großen Distanzen von Milliarden Lichtjahren stattfinden (dies legten bereits bei anderen GRB's gemessene Rotverschiebungen nahe).

Vielleicht ereignet sich zunächst bei einem GRB eine Supernovae, die einen Neutronenstern hinterläßt, welcher aber nach einigen Tagen zu einem Schwarzen Loch kollabiert. Dies würde erklären, wie innerhalb grob einer Minute Energien freigesetzt werden die nahelegen, daß einige zehntel Sonnenmassen in reine Strahlungsenergie verwandelt werden. Die Bursts sind so energiereich, daß sie gar die irdische Hochatmosphäre meßbar beeinflussen!

Berichte zum Thema: AstroNews I, AstroNews II, Telepolis-Weltraum


Quarkstern entdeckt?

Als man die mit dem HST gemessene Helligkeit und die aus Röntgen-Beobachtungen abgeleitete Temperatur bei dem Neutronenstern RXJ1856.5-3754 Modellen verglich, fand man einen Durchmesser von gerade einmal 11.3 km für den Stern. Eigentlich zu gering für einen Neutronenstern. Es ist unbekannt wie ein so kleines Objekt noch der eigenen Schwerkraft standhalten kann. In Objekten wie RXJ1856.5-3754 steckt etwa eine Sonnenmasse, die den Stern extrem zusammenzieht.

Eine Möglichkeit währe, daß der Stern nicht aus Neutronen besteht, sondern aus Quarks. Diese Quarks sind aus Laborversuchen bekannt: Die sind, neben Teilchen wie dem Elektron, die kleinsten heute bekannten Bausteine der Materie, aus denen alle uns umgebenden Dinge (einschließlich Ihnen selbst, lieber Leser) bestehen. Allerdings verbinden sich unter Bedingungen, wie sie im Labor herzustellen sind, Quarks immer zu anderen Teilchen und treten nicht einzeln auf. In RXJ1856.5-3754 könnte es anders sein. Eventuell besteht dieser Stern aus einem See einzelner, nicht zu größeren Teilchen verbundenen Quarks. Falls dies der Fall sein sollte, so hätte diese Erkenntnis extreme Auswirkungen auf das Verständnis der Quarks, die uns auch auf der Erde nutzen könnten.

Aber es gibt auch viel simplere Erklärungen. Beispielsweise könnte es "heiße Flecken" auf der Sternoberfläche geben, die die Temperaturmessung verfälschen. Weitere Beobachtungen können hier helfen. Der Fall RXJ1856.5-3754 zeigt zumindest in schöner Weise, wie die Astronomie im Prinzip Impulse für die irdische Physik liefern kann.

Berichte zum Thema: AstroNews, Telepolis-Weltraum


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de