AVRS WebJournal Ausgabe 1/2004 Astronomischer Verein Remscheid e.V.

Das Jahr 2003: Ein Rückblick

von Jens Kauffmann

Im Folgenden wollen wir Rückschau halten auf ein ereignisreiches Jahr. Das Jahr 2003 war ein Jahr großer technischer Erfolge - wie dem ersten bemannten Raumflugs Chinas und der ersten Marsmission Europas - und Tiefschläge - wie dem Marslander Beagle 2, for allem aber dem katastrophalen Ende eines Shuttle-Fluges. Der Himmel unterhielt uns mit Himmelsschauspielen, wie Sonnenfinsternissen und Polarlichtern, während wir sehr tiefe Blicke auf das junge Universum warfen. Dies alles wollen wir auf den folgenden Zeilen Revue passieren lassen. Die Informationen sind den vierteljährlichen Nachrichtensammlungen des 2. Quartals 2003, 3. Quartals 2003, 4. Quartals 2003 und 1. Quartals 2004 des WebJournals entnommen.

Übrigens wirft der Nachrichtendienst astronews.com ebenfalls in einem Jahresrückblick ein Auge auf das vergangene Jahr.

Himmelsereignisse

Den Mai 2003 dominierten 3 Finsternisse. Zunächst ereignete sich ein Merkur-Transit am Morgen des 7. Mai, es zog also der innerste Planet des Sonnensystems von der Erde aus gesehen vor der Sonne vorbei. Es folgte eine Mondfinsternis am 16. Mai. Sehr spektakulär war auch die Partielle Sonnenfinsternis vom 31. Mai, bei der die Sonne als Sichel am Morgen aufging.

Im Oktober und November konnten einige Polarlichter beobachtet werden. Sie entstanden als drei unegwöhnlich große Fleckengruppen auf der Sonne erschienen und in Eruptionen Gaswolken auch in Richtung auf die Erde schleuderten.

Raumfahrt

Am 1. Februar ereignete sich ein Shuttle-Desaster als das Space-Shuttle Columbia bei der Rückkehr zur Erde zerbrach. Erst im August wurde die die Untersuchung des Unglücks abgeschlossen. Die eigentliche Unglücksursache lag in der Beschädigung des Shuttle-Flügels durch herabfallende Schaumstoffteile beim Start des Shuttle. Der Untersuchungsbericht stellt aber klar, daß eine derartige Beschädigung erst durch Mißmannagement des Shuttle-Projektes entstehen und katastrophale Auswirkungen haben konnte. Ein Umdenken sei in den Reihen der NASA notwendig.

Durch ausfallende Shuttle-Flüge kam es zur Krise der ISS. Die Mannschaft an Bord der Raumstation auf eine zweiköpfige Notmannschaft reduziert. Hierdurch sind kaum noch wissenschaftliche Arbeiten an Bord der Station möglich.

Am 15. Oktober fand der erste bemannte chinesische Raumflug statt. Nach 22 Stunden im Erdorbit kehrte die Kapsel sicher zur Erde zurück. Auch wenn die chinesiche Technik auf der russischen basiert, so ist China ein bedeutender Schritt gelungen.

Der europäische GPS-Nachfolger Galileo zog auch im Jahr 2003 beständig auf unangenehme Weise die Aufmerlsamkeit auf sich. Zunächst einigten sich die bei diesem Thema zutiefst zerstrittenen europäischen Regierungen über die Zuständigkeiten bei dem Projekt. Etwas später legte sich dann Spanien quer, konnte aber zufriedengestellt werden. Gegen Ende des Jahres intensivierten die USA, die um die Bedeutung ihres GPS-Systems fürchten, sich eine Art Veto Recht zur Abschaltung von Galileo im Krisenfall zu verschaffen. Hoffen wir, daß dieses extrem wichtige Projekt im Jahr 2004 endlich in ein ruhiges Fahrwasser gerät.

Missionen und Observatorien

Das Jahr began mit einem Flop. Die Kometen-Sonde Rosetta konnte nicht starten, da die Ariane Rakete nach Fehlschlägen ein befristetes Startverbot erhielt. Dadurch wurde aber das sehr enge Startfenster verpaßt und die Sonde konnte nicht mehr den Zielkometen Wirtanen erreichen. Diese Situation traf das Team gänzlich unvorbereitet, fieberhaft wurde ein Ausweich-Komet gesucht. Dieser wurde im Kometen Churyumov-Gerasimenko gefunden.

Nach langem Hick-Hack ging die Pluto-Sonde New Horizons endlich in die Entwicklungsphase. Dann aber gefährdeten Budget Einschnitte erneut die Mission. Das Fahrwasser dieser von NASA- und Bush-Administration ungeliebten Sonde bleibt unsicher.

Es gibt Anzeichen dafür, daß Voyager 1 den Rand des Sonnensystems erreicht. Leider sind entscheidende Sensoren auf dem 26 Jahre alten Schiff ausgefallen, sodaß nur indirekte und kontrovers diskutierte Hinweise vorliegen.

Der Jupiter-Orbiter Galileo stürzte am 21. September in den Jupiter. Nach vielen Dienstjahren, die uns in der jüngeren Vergangenheit insbesondere die Aufsehen erregenden Bilder von den Monden des Jupiter bescherten, wurde die Sonde unter Nutzung der letzten Treibstoffreserven kontrolluiert zum Abstrurz gebracht.

Es gab Erfolge und Niederagen von Mars-Missionen (Übersicht der Missionen). Vom Unglück verfolgt war die japanische Sonde Nozomi. Nach einem misglückten, die Flugzeit um Jahre verlängernden, Bahnkorrekturmanöver im Jahr 1998 und Kurzschlüssen nach einem Sonnensturm im Jahr 2002 wurde die Sonde am 9. Dezember gezielt am Mars vorbei in die Tiefen des Sonnensystems geleitet um einen Absturz auf dem Mars zu verhindern. Am 2. Juni startete die am 25. Dezember in eine Marsumlaufbahn eingeschossene Sonde Mars-Express, die den roten Planeten aus dem Orbit studiert. Mit Mars-Express reiste auch der Lander Beagle 2, der ebenfalls am 25. Dezember - wenn auch offenbar nicht intakt - auf dem Mars niederging. Diese Sonde scheint verloren zu sein. Am 10. Juni und 7. Juli starteten die beiden Mars Exploration Rover der NASA, die am 4. und 26. Januar 2004 auf Mars niedergehen sollen.

Das Infrarot-Observatorium Spitzer (ex SIRTF) startete am 25. August ins All und lieferte im November erste Resultate. Das Spitzer Space Telescope (SST) ist das letzte der "großen Observatorien" der NASA, unter denen das HST das Paradepferd ist. Das SST soll in den kommenden 2.5 bis 5 Jahren, bis das Kühlmitten verbraucht ist, Beobachtungen durchführen.

Forschung

Auch 2003 lieferte die Mars-Forschung spannende Resultate. Schon seit Jahren konzentriert sich die Forschung auf das Thema "Wasser auf dem Mars". Argumente für einen "feuchten" Mars sind die an ausgetrocknete Sturzbäche erinnernden Gullies, das jüngst entdeckte Wassereis der Südpolkappe, und an Flußdeltas erinnernde Strukturen. Allerdings wurden nun die Gullies als Argument für fließendes Wasser in Zweifel gezogen. Wesentliche Argumente für einen "trockenen" Mars sind dagegen das Fehlen von Karbonaten und das Auftreten von Olivinen. Die in der Vergangenheit detektierten oberflächennahen Wasservorkommen müssen nicht gefroren sein. Trotzdem mag die marsianische Wasserverteilung durch eine abklingende Eiszeit bedingt sein.

Es wurden erste Meßergebnisse des Satelliten WMAP (Wilkinson Microwave Anisotropy Probe) der NASA, der die Kosmische Hintergrundstrahlung studiert, veröffentlicht. Demnach soll das Universum 13.7+/-0.2 Milliarden Jahre alt sein. Viele weitere Parameter zur Geschichte des Universums, die eher von theoretischem Interesse sind, wurden mit bisher unerreichter Präzision bestimmt. Das gegenwärtig favorisierte Modell des Universums, dessen Entwicklung vor allem durch Dunkle Materie und Dunkle Energie bestimmt sein soll, wurde bestätigt.

Untersuchungen an Galaxien gaben allerdings Anlass zu Zweifeln an der Dominanz von Dunkler Materie und Energie. Studien der Bewegung von Planetarischen Nebeln in Elliptischen Galaxien wiesen auf eine Unterhäufigkeit von Dunkler Materie in diesen Galaxien hin. Eine Studie der Entwicklung von Galaxienhaufen legte nahe, daß das über Milliarden Jahre andauernde Wachstum der Galaxienhaufen nur durch eine geringe Bedeutung der Dunklen Energie zu erklären sei. Diese Studien zeigen, daß die Ergebnisse von WMAP vorerst nur mit Vorsicht zu genießen sind.

Auch die Entdeckung von sehr massereichen, staubreichen Galaxien im jungen Universum bereiten der bisher akzeptierten Theorie der Galaxie- und Sternentwicklung im Universum Probleme. Staub entsteht nur in den Atmosphären sterbender Sterne. Wo aber kann dieser Staub 700 Millionen Jahre nach dem Urknall herkommen? Offenbar war die Sternentstehungsrate kurz nach dem Urknall extrem hoch. Zu der Idee, daß massereiche Galaxien aus der Verschmelzung vieler kleiner Galaxien hervorgehen paßt nicht die Beobachtung von massereichen Galaxien 900 Millionen Jahre nach dem Urknall. Diese Resultate zwingen uns entweder zu neuen Theorien der Galaxien- und Sternentstehung, oder zur Korrektur der WMAP Ergebnisse, welche das Alter des Universums festlegen.

Über Gamma-Ray Bursts (GRBs) lernten wir eine Menge im Jahr 2003. Vor allem das Studium des Bursts GRB030329, der sich am 29. März 2003 ereignete, brachte das Forschungsfeld weiter voran. Es konnte eine Supernova als GRB Gegenstück identifiziert werden. Somit scheinen GRBs in Supernovae oder ähnlichen Ereignissen zu entstehen.

Endlich werden erste Ergebnisse vom VLT-Interferometer veröffentlicht. So konnte die Abplattung eines Sterns von 1:2 gemessen werden. Es ist zu hoffen, daß das VLT im Jahr 2004 weiter zu einem Interferometer ausgebaut wird, denn die so erreichte Auflösung kann viele Themenkomplexe der Astronomie stark vorantreiben.


v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de