AVRS WebJournal
Ausgabe 1-2/2003
|
Astronomischer Verein Remscheid e.V. |
Das Wetter an Allerheiligen 2002 war nicht wirklich gut. Gelangweilt viel mir ein, daß ich ja schon immer ein mal nach den angeblichen Beweisen für eine geschwindelte Mondlandung suchen wollte. Warum eigentlich nicht heute? Es wurde daraus eine Reise an die Grenzen des menschlichen Verstandes - die bei einigen Individuen unserer Art offenbar recht eng gefasst sind.
Mein Ausgangspunkt war die
Google-Suche mit dem Stichworten
"+apollo +fake",
was soviel wie die Suche nach "Apollo" (der Name des US-Mondprogramms) und "Schwindel" (im
englischen "fake") bedeutet. Erst später entdeckte ich das
Google-Directory
"Science > Science in Society > Skeptical Inquiry > Hoaxes > Lunar Landing",
welches vielleicht ein geeigneterer Ausgangspunkt gewesen währe. Natürlich fand ich so nur
englischsprachige Seiten. Ich habe mich nicht bemüht, deutschsprachige Projekte zu diesem Thema zu finden.
Im Englischen werden angebliche Schwindel-Aktionen auch mit dem Begriff "hoax" belegt. In Internet hat sich mittlerweile eine richtige Hoax-Kultur entwickelt: CIA und FSB (ex KGB) sorgen im Auftrag der Illuminaten - die auch dafür sorgen, daß beim Schlachter um die Ecke Preise wie EUR 6.66 angeschlagen werden und Internet-Adressen mit "www" beginnen, was die kabale Analyse als Zeichen des Bösen entlarvt - für die elektronische Gedankenkontrolle, die Illuminaten aber unterstehen Aliens, deren Anführer - auch heute noch - Elvis P. ist; ihr Ziel ist es zu testen, wie die Menschheit auf hohe Dosen unsinniger Internetseiten, von denen im Folgenden einige Exemplare besprochen werden, reagiert. In nachhinein betrachtet wäre eine Suche über den Begriff "hoax" vielleicht sinnvoller gewesen.
Ganz oben auf der Trefferliste stand
www.lunaranomalies.com.
In vier Artikeln
(
Artikel I,
Artikel II,
Artikel III,
Artikel IV)
werden dort die Argumente gegen eine Mondlandung auf- und auseinandergenommen. Ausgangspunkt ist - wie bei so
vielen anderen Seiten - eine Sendung des US-Senders "Fox Television Network" des Namens
"Conspiracy Theory - Did we Land on the Moon?", ausgestrahlt am 15.02.2001.
Ich laß diese Seiten nur quer und machte mir über die Namensgebung der Web-Site ("Lunare
Anomalien") zunächst keine Gedanken. Weiter unten schildere ich einen zweiten
Besuch bei der Site, nach dem das Urteil über diese Site weit negativer ausviel. Genießen sie
www.lunaranomalies.com
also mit Vorsicht, bevor sie diesen Artikel in Gänze gelesen haben.
Ich fand die Site recht aufschlußreich. Probleme mit dem Schattenwurf der Astronauten, das Fehlen eines
vom Triebwerk gebrannten Kraters unter der Landefähre und andere Dinge werden aufgegriffen und
geklärt. Auch hat man sich mit der Bildanalyse z.T. viel Arbeit gemacht. So gibt es z.B.
das Mysterium des
"C-Steins",
einem Stein, auf dem in einer Aufnahme deutlich ein "C" zu erkennen ist. Dieser Buchstabe erwieß
sich allerdings als Haar, das bei Kopierarbeiten (oft sind Apollo-Bilder Abzüge von Abzügen) abgebildet
wurde.
Auch interessant: Die Autoren kommen zu dem Schluß, daß zumindest einige publizierte Apollo-Bilder
konstruiert sind. Dies belegen sie anhand eines Bildes aus Alan Shepards Buch "Moonshot"
(
www.lunaranomalies.com).
Dies ist allerdings ein alter Hut. Die NASA selbst stellt dies auf ihren Apollo-Seiten heraus
(
Apollo Lunar Surface Journal der
NASA; Eintrag bei Zeit "135:09:26"). Somit ist das von www.lunaranomalies.com angefürte Bild zwar in
der Tat gänzlich erfunden, es ist allerdings nicht offiziell, sondern stammt aus einer kommerzielen
Publikation, und wird von offiziellen Stellen ebenfalls als konstruiert betrachtet. Trotzdem: Derartige
Manipulationen sollten in seriösen Büchern nicht vorkommen.
Danach besuchte ich
apolloscam. Hier
wird für einen Apollo-Schwindel argumentiert - mit allen Mitteln. Führen wir uns aber erst einmal ein
"harmloses" Argument gegen eine Mondlandung zu Gemüte.
Bezeichnend für viele "Zweifler" ist eine auf Halbwissen basierende Analyse. Ein Lehrbuchbeispiel
dafür ist der vorliegende Fall. In seiner
Datenanalyse
legt der Autor zunächst dar, daß - da der Mond kleiner als die Erde ist - eine Mondumrundung mit dem
Raumschiff deutlich weniger als die im Erdorbit üblichen 90 Minuten dauern sollte. Aus den Daten der
Apollo-Flüge ergibt sich aber eine Zeit von etwa 2 Stunden. Damit sei bewiesen, daß selbst die
Apollo-Missionsdaten gefälscht sind - sagt der die Physik außer Acht lassende Autor. Denn der Mond ist
bekanntlich weit massearmer als die Erde, die Mondanziehung somit deutlich schwächer. Dann aber darf das
Raumschiff nicht so schnell fliegen wie im Erdorbit, soll es nicht aus dem Orbit herausgeschleudert werden. Der
"Beweis" für gefälschte Apollo-Daten belegt nur die mangelnde Detailkenntnis des Autors.
Wirklich schlimm - und unverschämt - wird es bei der
Bildauswertung des Apollo-17-Fluges.
Zunächst regt sich der Autor über den Maßstab jener NASA-Karte auf, welche die mit dem Mondmobil
zurückgelegten Strecken darstellt. Der Maßstab der Karte ist in Kilometern angegeben. Die Amis verwenden
aber immer Meilen. Ergo: Die Karte kann nur gefälscht sein!!!
"Häää??? Habe ich nun einen Zwischenschritt verpaßt?", fragt sich nun der aufmerksame Leser. Nein hat er nicht. Der Site-Autor ist einfach doof - oder paranoid. Der Freud-Freund mag vermuten, daß dieser Gedankengang einfach ein versteckter Notruf des Unterbewustseins ist - aber Freuds Analysen waren (in Teilen) auch recht daneben.
Wenden wir uns lieber wieder den Ergüssen in der
Bildauswertung des Apollo-17-Fluges
zu. Es kommt nämlich noch besser! Insbesondere wird ein Vergleich zwischen dem (von oben gesehen) ersten Bild
und dem letzten angestellt. Beide zeigen die Landefähre (so interpretiere zumindest ich die
Bildbeschriftungen), allerdings einmal inmitten aufgewühlten Mondbodens und mit Fels, einmal ohne beides. Wie
kann daß passieren?
Nun, Aufnahmen wie diese irritieren auch mich. Um so reizvoller ist es, ein solches Bilderrätsel
aufzuklären. Wie
www.lunaranomalies.com
hervorhebt sollte man sich immer erst einmal die Original-Bilder ansehen. Also hin zur
NASA.
Stöbert man etwas nach dem Begriff "Apollo", so gelangt man schließlich zum bereits oben
genannten
Apollo Lunar Surface Journal
der NASA. (Weitere Ausführungen dazu weiter unten.) War daß im zweiten Bild von oben
überhaupt die Landefähre? Ich vermutete zunächst, daß das Objekt im Bild jene alte,
unbemannte Mondsonde war, die von einer der Apollo-Crews besucht wurde. Das war aber auf einem anderen Flug. Also
weitere Suche. War's vielleicht eine der geophysikalischen Meßstationen? Die firmieren auf den NASA-Seiten
unter dem Begriff "ALSEP". Ich suchte ein paar Minuten lang nach einem Bild, und dann - Bingo! In einem
Panorama
ist die während des Apollo-17-Fluges installierte Anlage sehr schön zu sehen. Die Landefähre stand an einem anderen Ort, wie eine
Karte
und ein
Foto
belegen. Das Foto aus der
Bildauswertung des Apollo-17-Fluges
ist nur rätselhaft, wenn es im falschen Kontext gezeigt wird. Insbesondere ist der Bildausschnitt so
gewählt, daß die Antenne der ALSEP-Station verborgen bleibt, so die Station wie der Lander
aussieht!
In der
Bildauswertung des Apollo-17-Fluges
wird weiterhin angeführt, daß trotz angeblichem Ortswechsel um einige Kilometer die Hügelkette im
Hintergrund der Bilder immer dieselbe ist; mit den Bildern könne folglich etwas nicht stimmen. Endlich
ein einer Diskussion würdiges Argument - welches freilich nicht sticht. Die Hügel sind zunächst
einmal sehr weit weg. (Distanzen sind auf dem Mond mangels markanter Landschaftsmerkmale schlecht zu
schätzen.) Akzeptiert man diese Annahme und legt eine westliche Blickrichtung zugrunde, so sind die in den
Bildern dargebotenen Landschaftsansichten - die nur bei aller oberflächlichster Betrachtung in allen Bildern
gleich aussehen, was dem Autor aber entgagen ist - verträglich mit einer Fahrt entlang der in der Karte
eingezeichneten Route.
Es gibt nur einen passenden Begriff für die Site
apolloscam
- Schund! Es ist einfach unglaublich, was dort zusammengereimt wird. Und das in einem deftigen Ton - in den ich
allerdings ebenfalls, entgeistert vom Vorgefundenen, mittlerweile verfallen bin.
Damit war mein nachmittäglicher Surfgang beendet. Einen Tag später verfiel ich aber auch die Idee,
daß meine Beobachtungen für die Leser des WebJournals interessant
sein könnten. Dazu war noch ein wenig Recherche bei den oben aufgeführten Internet-Projekten nötig.
Also besuchte ich noch einmal das oben angeführte Projekt
www.lunaranomalies.com
um mich über das Projekt selbst zu informieren. So erfuhr ich, daß
www.lunaranomalies.com
sich mit dem Beweis der Existenz von Überresten einer alten Mond-Zivilisation befaßt.
Schock! Was war denn daß! Die wollte ich als brauchhbare Quelle gegen den Apollo-Schwindel zitieren?! Mit
fahlem Geschmack auf der Zunge drang ich weiter vor. Es zeigte sich, daß Argumente gegen einen
Apollo-Schwindel vermutlich vor allem deshalb zurückgewiesen wurden, weil der Autor von
www.lunaranomalies.com
der Meinung ist, daß die NASA auf dem Mond landete, um Artefakte einer (wohl mit Alt-Ägypten verwobenen)
Zivilisation zu erkunden. Da führte ich meine Leser also vom Regen in die Traufe!
Ein Stöbern im Fundus von
www.lunaranomalies.com
förderte unscharfe Apollo-Aufnahmen von Pyramiden und anderen Gebäuden zu Tage - die aber auch unscharfe
Aufnahmen von Hügeln und Kratern sein können
(
www.lunaranomalies.com).
Dies ist ein weiteres typisches Verfahren einschlägiger Hobbyforscher: Im Rauschen verschwommener
Vergrößerungen werden Strukturen gesucht, die man durchaus als interessante Strukturen interpretieren
kann - aber eben nicht muß! Später wurden noch Daten der
Clementine-Mission
so vergewaltigt, daß eine "Pyramide" am Krater "Triesnecker" als auffällige Struktur
erscheint: Ein Netz aus (im Infrarot) hellen Strukturen scheint dort zu liegen - was aber in der Natur der
Infrarot-Daten liegt. Ebenso albern währe es herauszustellen, daß Pixel in einem digitalen Bild
viereckig sind! Erschreckend: Auch die
Pravda
glaubt solche Mährchen.
In dem Stil geht es weiter. Unterhalten wird die Site von einem dicken Freund von Richard C. Hoagland, dem
Entdecker des Marsgesichts. Der gibt seinen Senf auf seiner eigenen Seite,
www.enterprisemission.com,
zum besten. Ein zentrales Element: Die NASA plant Aktivitäten entsprechend altägyptischer
Astrologie. Dort spielen Objekte wie die Orion-Gürtelsterne, Sirius und Mars eine bedeutende Rolle.
Besonders bedeutend: Distanzen von 33.3 Grad und 19.5 Grad zwischen dem Horizont und den astrologisch
relevanten Objekten.
Ich will diese These am Beispiel des
Starts des ISS-Moduls "Zarya"
erläutern - und wiederlegen. ("ISS" soll übrigens nach Hoagland "ISIS" bedeuten). Das
hob nach Angaben des Autors am 20.11.1998 um 06:40 UT vom Raumfahrzentrum Bajkonur ab (die Zeiten habe ich
nicht gecheckt; ich würde ihnen aber nicht unbedingt trauen). Das Kosmodrom liegt, nach Angaben von
R.C. Hoagland, auf der Position N 45d 56m, E 63d 18m. Die Berechnung mit dem Programm
XEphem
zeigt: Mars (31.8 Grad über Horizont), Sirius (33.4 Grad unter Horizont) und der Komet
Encke (den findet Hoagland auch irgendwie toll; 18.8 Grad unter Horizont) stehen - wie von Hoagland angegeben
- den Idealpositionen von 33.3 Grad und 19.5 Grad über oder unter dem Horizont recht
nahe. Bloß liegt Bajkonur nicht auf der angegebenen Position!
Schon ein Blick in den Schulatlas legt eher eine Position um N 47d, E 66d nahe. Dann aber sind die Ergebnisse (Mars 29.6 Grad über Horizont; Sirius 35.0 Grad unter Horizont; Komet Encke 16.9 Grad unter Horizont) recht beliebig, sicher ohne astrologische Bedeutung. Und selbst wenn die Rechnungen stimmen würden: Die ägyptische Mythologie kennt viele Himmelskörper und jedes der geeigneten Objekte steht mindestens zweimal am Tag, viele öfter, an einer der für Hoagland interessanten Positionen.
Fazit: Besuchen sie
www.lunaranomalies.com
und das Schwesterprojekt
www.enterprisemission.com
nur mit spitzen Fingern. Ich habe den Eindruck, daß hier nicht zuletzt die, natürlich nicht kostenlosen,
Bücher von R.C. Hoagland beworben werden sollen.
Wie bereits eingangs genannt, bietet das
Google-Directory
"Science > Science in Society > Skeptical Inquiry > Hoaxes > Lunar Landing"
einen guten Ausgangspunkt für eigene Exkursionen. Dort findet man Seiten für und gegen die Evidenz für
einen Apollo-Schwindel. Eine schöne Seite gegen die Existenz eines Apollo-Schwindels ist
moonhoax.
Die Speerfront gegen die Verbreitung "schlechten astronomischen Wissens" ist im allgemeinen
www.badastronomy.com
(besuchen sie die dortige
Themenübersicht).
Der Autor schreibt übrigens auch für die
FAZ.
Dem Apollo-Schwindel ist bei www.badastronomy.com
ein knapper Artikel
gewidtmet.
Wer tief in die Materie einsteigen will, sollte das bereits mehrfach erwähnte
Apollo Lunar Surface Journal
der NASA-Abteilung für Geschichte unbedingt besuchen. Für alle Mond-Missionen werden neben allen auf
der Oberfläche aufgenommenen Fotos Abschriften des kompletten Funkverkehrs angeboten! Hier wird
Zeitvertreib für Monate geboten.
Ein paar Wochen nach meinen Recherchen hat sich übrigens auch
SPIEGEL-Online
den Thesen des Herrn Hoagland in einem
Artikel
angenommen. Im typischen SPIEGEL-Stil werden hier vor allem die Mond-Städte in Grund und Boden
geschwafelt. Der Internet-Dienst
Telepolis-Weltraum
geht einer
Schlägerei
zwischen einem Mond-Astronauten und einem Mondflug-Kritiker nach. Der
Cosmic Mirror
berichtet in der
Ausgabe 245,
daß die NASA, gerade in diesen Tagen, ein Buch zum Apollo-Schwindel schreiben lassen wollte um Kritikern den
Wind aus den Segeln zu nehmen, nun aber doch von der Idee Abstand nimmt.
Was habe ich gelernt? Entweder gibt es in der Welt verboten dösige Menschen, oder sie haben ihre speziellen (kommerziellen) Gründe den oben gesichteten Schrott zu publizieren. Ich will, weiß Gott, nicht berechtigte Zweifel beiseite wischen. In der Tat ist es auch für mich denkbar, daß dem Mondprogramm - zumal in politisch schwierigen Zeiten - "auf die Sprünge" geholfen wurde. Aber wo sind echte Beweise dafür? Und warum sollte man die Mondlandung im Ganzen vortäuschen? So schwierig war das technisch nicht, wo einmal die finanziellen Grundlagen geschaffen waren - und Geld ist nun wirklich in immensen Mengen geflossen.
Abschließend geklärt werden kann das Thema wohl nur, wenn es geling zurückgelassene
Ausrüstung auf der Mondoberfläche zu fotografieren. Leider hat das
Hubble-Space-Telescope
nur ein Auflösungsvermögen zwischen 50 und 100 Metern auf der Mondoberfläche, wir müssen
also auf bessere Teleskope oder neue Mondflüge warten. Bis dahin wird uns der Apollo-Schwindel wohl
begleiten.
v.i.S.d.P.: Jens Kauffmann, webjournal@tiscali.de